_________________________________________________________________________ Die Ergebnisse der Untersuchungen über die Kommunikation in den Familien sogenannter Geisteskranker stellen die Psychiatrie heute in vielen Fällen vor die Alternative: psychische und soziale Vernichtung von Menschen in geschlossenen Anstalten oder eine menschenwürdige Behandlung außerhalb der Anstalten.
von Hannes Kapuste und Frank Giesen
Seit den letzten Exekutionen von Menschen wegen Hexerei (1793 in Polen) oder Häresie (1826 in Spanien) werden die ,von bösen Geistern besessenen' am Leben gelassen. Auch das Euthanasie-Programm für Geisteskranke, dem vom 1. September 1939 an innerhalb von zwei Jahren 50000 nicht-jüdische Deutsche zum Opfer fielen, gehört der Vergangenheit an.
Die präfrontale Leukotomie, eine psychochirurgische Kopfoperation mit einer Sterberate von 1 bis 5%, für die noch 1955 der Nobel-Preis für Medizin vergeben wurde, wird in dem BLEULERschen Lehrbuch der Psychiatrie von 1968 nur noch im Kleingedruckten beschrieben, obwohl man in den Nervenheilanstalten noch viele Patienten mit den entsprechenden Narben findet (8b).
Die großen, kurmäßig durchgeführten somatischen Behandlungsverfahren der Psychiatrie wie die Fieberbehandlung (seit 1917), die Dauernarkose (seit 1920), die Cardiazol-Krampfbehandlung (seit 1934), die Insulin Schock-Therapie (seit 1935) und die Elektro-Schockbehandlung (seit 1937) sind so weit zurückgegangen, dass die damit verbundenen Todesfälle (1-2% bei der Insulinkur, heute darunter) statistisch kaum noch ins Gewicht fallen.
Die Psychiatrischen Behandlungsmethoden sind seit dem großen Aufschwung der modernen Psychopharmakologie (Chlorpromazin 1952) menschlicher geworden. Nur die Selbstmordquoten der behandelten Patienten sind etwas im Steigen begriffen. Der Grund: Die ̦Behandlung' in den psychiatrischen Anstalten beeinflußt das Schicksal dieser Menschen in einer Weise, dass sie vom Leben nicht mehr viel zu erwarten haben.
In dieser Situation gibt es eine nicht-medizinische Betrachtungsweise der sogenannten Geisteskrankheiten, über die wir hier berichten wollen, weil die etablierte Psychiatrie in Deutschland sie seit Jahren nicht zur Kenntnis nimmt.
Ihre Grundlage ist ein besseres Verständnis von der menschlichen Kommunikation und eine neue Hypothese über die Ursachen des bizarren Verhaltens mancher Menschen, das von den Medizinern seit über 50 Jahren einer Erkrankung des Gehirns zugeschrieben und in dieser Zeit mit allen nur denkbaren körperlichen Mitteln (von der Tötung bis zur medikamentösen Einschläferung des lebendigen Bewußtseins), mit allen nur denkbaren psychologischen Mitteln (von der wirksamen Drohung gezüchtigt oder gefesselt zu werden bis zur hingabevollen und kostenlosen psychotherapeutischen Betreuung) niemals aber nicht behandelt wurde, obwohl noch kein einziger – wie man sagt ̦harter' –wissenschaftlicher Befund erbracht werden konnte, dass die Hypothese, auf der alle Behandlungsmethoden aufbauen, tatsächlich stimmt.
Die wesentliche Wende in der für viele Geisteskranke zuvor nahezu hoffnungslosen Situation setzte in der Literatur mit einer Arbeit im Volume 1 von ,Behavioral Science' im Jahre 1956 ein. Gregory BATESON, Don D. JACKSON, Jay HALEY und John W. WEAKLAND veröffentlichten eine neue Arbeitshypothese zum Verständnis der häufigsten der sogenannten Geisteskrankheiten: ,Auf dem Wege zu einer Schizophrenie-Theorie'. Seit 1972 ist diese Arbeit auch dem deutschsprachigen Leser zugänglich (1). Diese Arbeit war das Ergebnis einer bereits seit 1952 von der Rokkefeller Stiftung finanzierten Untersuchungsreihe. Sie führte, wie wir darstellen wollen, zu einer völlig neuen Möglichkeit des therapeutischen Vorgehens. Der sogenannte Kranke wird nicht mehr hospitalisiert. Man behandelt das Problem in der Familie.
Das double bind Konzept.
Kern der Arbeit von BATESON et al. war das double bind Konzept. Das ist der Name für eine verwirrende Kommunikationsform (eine Art Zwickmühle); die von den Forschern in Palo Alto (Kalifornien) in allen Familien erlebt wurde, aus denen als ‚schizophren' bezeichnete Personen kamen. Die Bemühungen gingen seit dieser Entdeckung dahin zu zeigen, wie jemand, der sensibel und unerfahren genug ist, durch die Häufung von double binds in seinen wesentlichen Lebensbeziehungen in Verwirrung gebracht werden muß.
Das ist ein ganz anderes Ziel als die Suche der klassischen Psychiatrie nach physiologisch oder biochemisch begründeten Behandlungsformen für Störungen der Gehirnfunktionen durch genetisch erklärte Ausfälle.
Aus der kommunikationstheoretischen Sicht ist primär ,nicht etwas los mit dem Patienten', sondern ,etwas los in seiner sozialen Situation'.
Zunächst ein Beispiel der Autoren aus einer Klinik:
„Ein junger Mann, der sich von einem akuten schizophrenen Schub ziemlich gut erholt, erhielt im Hospital Besuch von seiner Mutter. Er freute sich, sie zu sehen und legte ihr impulsiv seinen Arm um die Schulter, worauf sie erstarrte. Er zog seinen Arm zurück und sie fragte: ‚Liebst Du mich nicht mehr?' Er wurde rot und sie sagte: ,Lieber, Du mußt nicht so leicht verlegen werden und Angst vor Deinen Gefühlen haben.' Der Patient war danach nicht in der Lage, länger als ein paar Minuten mit ihr zu verbringen und nachdem sie gegangen war, griff er einen Assistenten an ..." (1, S. 29). Solche Kommunikationsformen sind typisch für schizophrenogene Familien. Die Verwirrung, die sie in dem ‚schizophren' genannten Mitglied erzeugen, führen die Autoren auf die sehr schwach erkennbaren Widersprüche im double bind zurück.
Sie beschreiben folgende Voraussetzungen der Entstehung von ‚schizophren' genanntem Verhalten:
1. Zwei oder mehr Personen, von denen eine das ‚Opfer' wird.
2. Wiederholte Erfahrung, die das double bind für das Opfer zu einer habituellen Erwartung macht.
3. Das eigentliche double bind mit drei Elementen:
3.1 Ein erstes Gebot, meist auf der sprachlichen Ebene (in unserm Beispiel: „Du mußt ... keine Angst vor Deinen Gefühlen haben"). Dieses Gebot wird durch Bestrafungen wie Liebesentzug o.ä. in der Erfahrung des Opfers verstärkt. 3.2 Ein zweites Gebot, das auf einer anderen Ebene mit dem primären in Konflikt gerät und meist nicht durch Worte, sondern durch das Verhalten ausgedrückt wird (im Beispiel: „... worauf sie erstarrte"). 3.3 Ein drittes Gebot, das dem Opfer untersagt, das Feld zu räumen oder eine komplette Abhängigkeit des Opfers (Kinder, Patienten, Gefangene, Liebende etc.)
Folge der double bind Erfahrung: Nach wiederholten Erfahrungen, ist die komplette Serie von Einzelelementen unnötig geworden, wenn das Opfer gelernt hat, sein Universum in der Schablone des double bind wahrzunehmen. Fast jeder Teil einer double bind Sequenz kann dann ausreichen, um Panik oder Wut auszulösen' (S. 18).
Diese Panik- oder Wutreaktionen sind für den ‚Normalen' unverständlich. Er versteht nicht die Verwirrungen, die eine double bind-Verstrickung auslösen kann, bzw. er würde darauf mit sprachlicher Klarstellung (Metakommunikation = sprechen über das Gesprochene) reagieren. Gerade dieser Ausweg aber wird in schizophrenogenen Familien bestraft — durch Nichtbeachtung, durch Verbot von Widerworten, durch Körperstrafen (Eltern-Kind-Verhältnis), durch beleidigtes Zurückziehen (,typisch weibliche' Reaktion), durch lange Grundsatzdebatten (,typisch männliche' Reaktion) usf. Jede Familie entwickelt da ihren eigenen Stil.
Die Ausweglosigkeit dieser Situation kann zu den vielen bizarren Verhaltensformen führen, die gemeinhin als ‚verrückt' empfunden werden und außerhalb der Familie oder des weiteren sozialen Kontextes in der Regel unverständlich bleiben.
Wenn die double bind-Hypothese richtig ist ...
Die klassische Psychiatrie glaubt — wie gesagt — daß geistige Verwirrungen organische Ursachen haben. Wer diese Überzeugung teilt, wird keinen Sinn darin sehen, auf die Kommunikation eines Patienten einzugehen. Dessen Gedanken können dann ja nicht verständlich werden, so wenig wie die Resultate eines falsch programmierten oder falsch geschalteten Computers. Der Arzt wird so den Patienten nicht mehr als vernünftigen Gesprächspartner betrachten, sondern bestenfalls ein freundliches Verhalten zeigen ohne ernsthaftes Interesse an dem Inhalt der Kommunikation.
Freundliches Verhalten ohne dahinter stehendes Interesse wären aber zwei Elemente aus einer double bind-Sequenz, mit den entsprechenden Konsequenzen für den double bind-verstrickten Patienten: Wäre die double bind-Hypothese wahr, wäre traditionelles psychiatrisches Verhalten falsch.
Der amerikanische Psychologe ROSENHAN, der sich und sieben andere ‚normale' Personen als Pseudopatienten in psychiatrische Kliniken einschleuste, beschreibt das typische Verhalten des Personals psychiatrischer Kliniken. Er sprach, zusammen mit den anderen Pseudopatienten 185 mal einen Arzt 1283 mal eine Schwester oder einen Pfleger an mit einer realen Frage von der Art: „Bitte, wann werde ich bei der Visite vorgestellt?" Die angesprochenen Ärzte reagierten in 71%, die Krankenschwestern und Pfleger in 88% der Fälle mit Abwendung des Kopfes und Weitergehen.
Eine häufige Form der Begegnung war folgende: (Pseudopatient): „Entschuldigen Sie, Dr. X., könnten Sie mir sagen, wann ich die Erlaubnis erhalten werde, in den Garten zu gehen?" (Arzt): „Guten Morgen, David, wie geht es Dir heute?" (geht weiter, ohne die Antwort abzuwarten) (S. 255). In dieser Kommunikation stehen gleich zwei double binds:
1. Die Verhaltensreaktion des Arztes auf die Frage ist freundlich, der Inhalt der Gegenfrage aber kreuzt das Anliegen des Patienten.
2. Der an sich freundliche Inhalt der Gegenfrage des Arztes steht im Widerspruch zu seinem weiteren Verhalten: der Patient kann nicht antworten weil der Arzt ja weitergeht. Solche Erfahrungen machen Patienten in psychiatrischen Kliniken sehr häufig. Die Folgen beschreibt ROSENHAN (24) als ,Depersonalisation`.
Analysiert man psychiatrisches Verhalten, wie man es tatsächlich findet oder konstruiert man es aus der traditionellen Hypothese der Psychiatrie, das Ergebnis scheint das gleiche: große Häufigkeit von double binds oder, wenn man es anders ausdrückt, wohlmeinendes Desinteresse. Der Wechsel der Patienten aus der double bind-Familie in eine double bind-Klinik kann also kaum von Vorteil für ihn sein, vorausgesetzt, die Hypothese trifft zu. Die Klinik ist als double bind-Instanz mächtiger und emotional ohne Wert für ihn, zwei Bedingungen, unter denen eine Gesundung nicht zu erwarten ist.
Nun ist es aber keineswegs so, daß schizophren genannte Menschen für den Arzt unverständlich sein müssen. Der englische Psychiater Ronald D. LAING beschreibt in seinem Buch ,Das geteilte Selbst' seine Erfahrungen als Arzt in psychiatrischen Kliniken:
„Ich muß hier eine gewisse persönliche Schwierigkeit bekennen, die ich als Psychiater habe und die hinter manchem in diesem Buch steht. Das ist die, daß ich, ausgenommen im Falle chronischer Schizophrener, Schwierigkeiten habe, die ,Zeichen und Symptome' der Psychose bei Personen, die ich selbst interviewe, tatsächlich zu entdecken. Ich dachte immer, daß dies eine Unzulänglichkeit meinerseits sei, daß ich nicht geschickt genug sei, an Halluzinationen und Wahninhalte heranzukommen usw. Wenn ich meine Erfahrungen mit Psychotikern mit den Darstellungen der Psychosen in Standardtextbüchern verglich, fand ich, daß diese Autoren nicht die Art beschrieben, in der diese Leute sich mir gegenüber verhalten. Vielleicht hatten sie recht und ich unrecht. Dann dachte ich, daß sie vielleicht doch unrecht hatten. Aber das ist genauso unhaltbar. Das folgende scheint der Tatbestand zu sein: Die Standardtexte enthalten Beschreibungen des Verhaltens von Leuten in einem Verhaltensfeld, das den Psychiater mit einschließt. Das Verhalten der Patienten ist bis zu einem gewissen Grad eine Funktion des Verhaltens des Psychiaters im selben Verhaltensfeld. Der typische psychiatrische Patient ist eine Funktion des typischen Psychiaters und des typischen psychiatrischen Krankenhauses. Das wesentliche Fundament sozusagen, das allen großen Beschreibungen BLEULERS über Schizophrene zugrundeliegt, ist seine Bemerkung, daß auch wenn alles gesagt und getan sei, Schizophrene ihm fremder seien als die Vögel in seinem Garten" (19f., S. 33).
Als Beispiel eines je nach der Methode des Psychiaters ‚unverständlichen' oder verständlichen Verhaltens seien die Erlebnisse von ‚Jane' angeführt (LAING 19c, S. 15 ff.). Jane, 17 Jahre alt, begeisterte Tennisspielerin, zeigte für den Psychiater alle Anzeichen einer schizophrenia simplex. Sie empfand sich als Tennisball in einem nicht endenwollenden Tennismatch. „Gemischtes Doppel, Centre Court, Wimbledon. Die Menge, der Platz, das Netz, die Spieler und der Ball, hin und zurück, hin und zurück, hin und zurück. Sie war jedes dieser Elemente, ganz besonders aber der Ball." Er wurde hin und her geschlagen „geschnitten', geschmettert, kurz, er war das Zentrum der Aufmerksamkeit und dennoch kümmerte sich niemand um ihn. „Man braucht ihn nur, um die andere Seite zu schlägen. Manchmal behandelt man ihn sanft, aber nur, um zu gewinnen." LAING ging in die Familie dieses Mädchens und fand folgende Art der Kommunikation vor: Mutter: „Sage deinem Vater, er möge mir das Salz geben". Jane: „Mutter möchte, daß du ihr das Salz gibst". Vater: „Sage ihr, sie soll es sich selbst nehmen". Jane: „Vater sagt, du sollst es dir selbst nehmen" (ebda). Welcher Vergleich der eigenen Situation könnte einleuchtender sein als der mit einem Tennisball? Jane wird zwischen Vater und Mutter hin- und hergeworfen, ohne die Möglichkeit, sich zurückzuziehen oder klärend in die Situation einzugreifen. LAING führt in diesem Zusammenhang aus, daß Schizophrenie sich zwar bildhaft-metaphorisch ausdrücken („Ich bin ein Tennisball") dabei aber nicht deutlich machen, daß sie metaphorisch sprechen. Die Verdeutlichung („ich fühle mich von Euch wie ein Tennisball hin und her gespielt") wird in schizophrenogenen Familien als Bedrohung des – familiären – Zusammenhalts empfunden und unter Strafe gestellt. Diese Darstellung be- legt, daß es möglich ist, Verhalten zu verstehen, das die traditionelle Psychiatrie in eine Klasse von Krankheiten reiht, die als Störungen der Gehirnfunktion und als nicht mehr verständlich definiert sind.
Wenn es allgemein möglich wäre, solche ‚Knoten' (so der Titel eines der Bücher von LAING) (19e) in sozialen Beziehungen aufzulösen, dann wird die Frage, ob die double bind-Hypothese zutrifft, eine wesentliche Frage der Psychiatrie und eine Existenzfrage für viele Patienten.
Die weitere Entwicklung.
Bald nach Publikation der double bind Hypothese, Ende der fünziger Jahre, wurde in den USA eine große Zahl von Forschungsarbeiten publiziert, die ebenfalls davon ausgingen, daß, kurz gesagt, Schizophrenie durch ,schlechte Behandlung von Menschen (Kindern) durch Menschen (Eltern) entsteht' (FOUDRAIN 10, S. 305). Die wichtigsten dieser Arbeiten, einschließlich der Literaturübersicht von FOUDRAIN, der zitierten Arbeit von BATESON et al. und einer ,Kritik der Literatur über die Erblichkeit von Schizophrenie' von D. JACKSON finden sich in der erwähnten Zusammenstellung ,Schizophrenie und Familie' (1, Suhrkamp, 1972).
Die Auswirkungen der Entwicklung in den USA auf die Bundesrepublik Deutschland beschreibt C. KULENKAMPF in seinem Vorwort zu dieser Ausgabe: „Etwa zehn Jahre intensiver, aufschlußreicher und auch aufregender Familienforschung haben hierzulande ein recht mattes Echo gefunden. Es gibt kein deutsches psychiatrisches Lehrbuch, in welchem die Fakten dieser Aufsatzsammlung auch nur pauschal mitgeteilt worden wären. Die Entwicklung in USA und England ist in den sechziger Jahren wesentlich über das hinausgegangen, was 1972 bei uns publiziert wurde.
Nachweis der ,sozialen Intelligibilität` des schizophrenen Verhaltens.
Nachdem sehr umfangreiches Material darüber vorlag, wie die Kommunikation in den Herkunftsfamilien sogenannter Schizophrener gestört sein kann, ging es darum, den empirisch-wissenschaftlichen Nachweis zu führen, daß in jedem Einzelfall die bisher als völlig unverständlich deklarierten Verhaltensweisen der als verrückt betrachteten Menschen (, ... fremder ... als die Vögel in seinem Garten') bei geeigneter Betrachtung verständlich werden und daher nicht als körperlich bedingte Störungen der Gehirnfunktion betrachtet werden müssen. Einen solchen methodisch und inhaltlich überzeugenden Nachweis haben LAING und ESTERSON in London erbracht und 1964 publiziert (19a). Sie gingen mit Tonband in die Familien von 11 mit der Bezeichnung Schizophrenie hospitalisierten Patienten, interviewten im Verlauf von einigen Monaten oder Jahren die Familie und zeigten wie alle unverstandenen, fremden, bedrohlichen und von der Psychiatrie als krank interpretierten Verhaltensweisen der designierten Patienten verständlich werden als Reaktion auf eine verwirrende Situation. Einige Beispiele aus dieser Untersuchung finden sich in deutscher Übersetzung bei LAING (1, Seite 274ff., 19c). ESTERSON hat die Methode dieser ,dialektischen Untersuchung` inzwischen bei über 100 Patienten mit dem gleichen Erfolg durchgeführt (ein Artikel darüber kommt im September-Heft von PSYCHOLOGIE HEUTE) und außerdem in einer weiteren Publikation zu einer ,dialektischen Wissenschaft', einer Wissenschaft der sozialen Intervention erweitert (8a), während LAING einem breiten Publikum seine Erfahrungen und Ideen sehr erfolgreich bekannt machte (19b, c, d, e, g und der Film ,Asylum`).
LAING beschreibt u. a. den Versuch einer von mehreren miteinander in Beziehung stehenden Personen, das Erleben einer anderen in Abrede zu stellen. Im alltäglichen Leben erfährt man eine solche ‚Mystifizierung', wenn man gesagt bekommt: „Das bildest du dir bloß ein". Das heißt, es wird der Versuch gemacht, einen Widerspruch, einen Gegensatz, eine Unstimmigkeit zu unterlaufen oder aufzuheben, indem man die Erlebnisweise des anderen von der Wahrnehmung in die Einbildung transponiert (1, S. 276f.).
Eine Variante dieser Form der Mystifizierung besteht darin, daß der eine den Erlebnisinhalt des anderen bestreitet und ihm statt dessen Erlebnisqualitäten unterschiebt, die seiner eigenen Vorstellung vom anderen entsprechen. (Ebenda:) Eine Mutter, die selbst müde und ihres lärmenden Kindes überdrüssig ist und zu ihrem Kind sagt: „Ich glaube, du bist jetzt müde, und möchtest ins Bett, nicht wahr?", mystifiziert ihr Kind. Sie unterschiebt ihre eigenen Gefühlszustände dem Erleben des Kindes. Aus ihrem Wunsch, allein zu sein, macht sie einen Befehl an ihr Kind, ins Bett zu gehen. Falls ein Kind in der Lage ist, diesen Widerspruch zu durchschauen, wird es dafür bestraft – z. B. für freche Widerworte.
Methoden der Familientherapie
Die Frage nach spezifischen ‚Methoden' der Familientherapie ist möglicherweise falsch gestellt. Therapeuten arbeiten wohl nach Theorien, Konzepten oder Vorstellungen, die sich schriftlich darstellen lassen. Sie beschreiben auch bestimmte Strategien oder Schrittfolgen ihrer Arbeit. Immer aber gehen sie als Menschen mit persönlichen Eigenarten in eine schnell-laufende komplexe Situation, innerhalb derer sie in der Regel sehr rasch intervenieren, und zwar keineswegs nur sprachlich, analysierend, erklärend, sondern mit einem besonders entwickelten Sinn für nicht-sprachliche Verhaltenskommunikation.
Sie betonen immer wieder, daß Familientherapie nicht aus Büchern gelernt werden kann, sondern gesehen und erlebt werden muß und arbeiten konsequenterweise viel mit audiovisuellen Demonstrationen, oder mit dem Tonband, das wenigstens einen Teil der wichtigen und nicht leicht beschreibaren affektiven Elemente der Kommunikation wiedergibt.
Um dennoch eine Vorstellung dessen zu entwickeln, was Familientherapeuten tun, studierten BEELS und FERBER (9b) systematisch die Tonbänder, Videoaufnahmen, Filme und Demonstrationen von 30 Familientherapeuten. Sie gelangten dabei zu der Einsicht, daß das Vorgehen (,Taktik`) der Therapeuten im wesentlichen bestimmt ist durch ihre ‚Persönlichkeiten' oder ,ihren Arbeitsstil`. Ihr Selbstverständnis sowie ihr Verständnis ihrer Rolle gegenüber den Familien sind die Stützpfeiler ihrer Intervention. BEELS und FERBER beginnen ihre Beschreibung mit einer Definition von Familientherapie und kontrastieren diese Definition mit der Definition der Psychotherapie im Standard-Lehrbuch von FORD und URBAN (s. Tabelle, S. 12).
Bei ihrer Beschreibung der Familientherapeuten treffen BEELS und FERBER eine Einteilung aufgrund des Verhaltens der Therapeuten in der Familie.
Der Therapeut hat im Prinzip zwei Alternativen: Er kann die Rolle des Leiters nehmen und damit in der Hierarchie oben bleiben oder aber er kann zusehen, wie die Familie sich ihm präsentiert und dann auf die Familie reagieren. Die Autoren kamen so zu der Unterscheidung: ‚leitende Therapeuten' (con ductors) und ,reagierende Therapeuten' (reactors).
Außer diesen wesentlichen Unterschieden fand FERBER zwei verschiedene Arten des Reagierens. Eine Gruppe der reagierenden Therapeuten betrachtet im wesentlichen Dinge, die auch Psychoanalytiker betrachten würden und beschreibt diese Dinge dann auch in deren Terminologie. FERBER et al. nannten diese Therapeuten daher ,reagierende Analytiker'.
Eine andere Gruppe achtet wenig auf die internen Vorgänge in Individuen, sondern mehr auf das System der Interaktion nach dem Verständnisrepertoire der Kommunikationstheorie. Diese Therapeuten werden von den Autoren ,System-Puristen` genannt.
Die leitenden Therapeuten (Conductors). Die ,Conductors' sind meist sehr starke Persönlichkeiten, die Auditorien mit ihren Reden und Demonstrationen vollkommen fesseln können und einen ausgeprägten Sinn für ihre eigenen Werte und Zielsetzungen haben. Auf die eine oder andere Weise versuchen sie, die Familie dazu.zu bringen, ihre eigenen Norm- und Wertvorstellungen zu übernehmen. Sie setzen der Therapie ein Ziel und sind in der Lage, die Kontrolle im Therapieprozeß zu behalten. Als charismatische ‚Leader' dieser Gruppe nennt FERBER den 1971 verstorbenen Nathan ACKERMANN und Virginia SATIR. Norman BELL, der Herausgeber des ersten Handbuchs der Familientherapie gehört zu den Älteren dieser Gruppe. Seine Methode soll näher charakterisiert werden.
Individuelle Therapie nach FORD und URBAN (10).
1. Zwei Menschen in vertraulicher Interaktion;
2. Die Interaktionsform ist gewöhnlich verbal;
3. Die Interaktion läuft über einen längeren Zeitraum;
4. Das erklärte und vereinbarte Ziel der Beziehung sind Verhaltensänderungen in einem der beiden Partner;
Familientherapie nach BEELS und FERBER (96)
1. Mehr als zwei Menschen, deren Interaktion in diesem wesentlichen Ausmaß nicht vertraulich ist. Die Technik des Wechsels von der zwei- zur drei- und zur Mehr-Personen-Interaktion ist diskontinuierlich; 2. die nicht-verbale Interaktion (Verhalten) erlangt neben der verbalen primäre Bedeutung. Die Manipulation der Anwesenheit, der Gestik, der Sitzordnung und Haltung durch jeden und alle Teilnehmer ist wesentlich; 3.d ie Interaktion läuft oft weniger lange als bei individueller Therapie, obwohl die Zeit sehr variabel ist; 4. das erklärte und vereinbarte Ziel der Beziehung sind Änderungen im System der Familieninteraktion, nicht Änderungen im Verhalten von Individuen. Individuelle Änderungen treten auf als Nebenprodukte der Systemänderung.
FERBER und BEELS beschreiben BELLs Führungsstil als ,ziemlich zuvorkommend, einfühlsam und höflich, aber gleichzeitig sehr bestimmt in der Vorstellung, welchen Weg die Familie gehen sollte und wie er sie dorthin bringt'. Seine Ziel-Vorstellungen erreicht BELL durch Vermittlung von Einsichten über kommunikatives Verhalten innerhalb der folgenden Phasen:
1. In einer Familie mit einem Kind als ,identifiziertem Patienten' wird in einem ersten Interview mit den Eltern allein ein paradoxer Vertrag geschlossen. Indem er sich die Klagen der Eltern über das Kind anhört, ,akzeptiert` der Therapeut für eine gewisse Zeit (entsprechend den Erwartungen der Eltern) das Kind als Patienten. In dieser ersten Sitzung werden die Eltern aber gebeten, in der zweiten Sitzung einem Vorschlag des Kindes zuzustimmen, der eine Änderung von Familiengewohnheiten betrifft. Indem die Eltern auf die Bitte des Therapeuten eingehen, befinden sie sich als seine Co-Strategen in der Position derer, die die Kontrolle behalten. Scheinbar (und deshalb ist der Vertrag mit den Eltern paradox), denn im gleichen Moment haben die Eltern ja zugestimmt, daß das Kind Kontrolle über einen begrenzten Aspekt ihrer Familienregeln haben wird. Damit haben sie einer Änderung im System der Familien-Interaktion durch das Kind zugestimmt.
2. Nach dieser Sitzung mit den Eltern folgt die ,kindzentrierte' Phase. Das Kind wird ermutigt, seine Ängste, Befürchtungen und Wünsche mitzuteilen, und es wird dafür gesorgt, daß die Eltern nicht dominieren. Damit ist ein Erlebnis der Ebenbürtigkeit von Eltern und Kind in die Erfahrung der Familie eingegangen.
3. In der nun folgenden Phase der Eltern-Kind-Interaktion werden Schwierigkeiten und Spannungen der Familie diskutiert, indem der Therapeut interpretativ auf die Kindheitserfahrungen der Eltern eingeht, diese zu ihren gegenwärtigen Erfahrungen in Beziehung setzt und Anregungen für Lösungen außerhalb der Therapiesitzungen gibt. Ideen der Kinder zu diesen Lösungen unterstützt der Therapeut.
Die ,reagierenden Analytiker'. Die Therapeuten sind wesentlich zurückhaltender als die Conductors.
Zu dieser Gruppe gehören Therapeuten wie Carl WHITAKER (35), Lyman WYNNE (36) und seine Kollegen vom National Institute of Mental Health, Harold SEARLES (29), die Therapeuten vom Philadelphia Family Institute (12, 13) und einige andere (26).
Die reagierenden Analytiker behandeln die Familie zwar als Gruppe, betrachten aber —ausgehend von deren intrapsychischer Energetik — ihre Mitglieder als Individuen mit ihrer je eigenen Dynamik. Sie sind außerdem diejenigen, die besonders dringlich für eine Arbeit in Therapeuten-KoTherapeuten-Teams plädieren. Die Teamarbeit ist für sie eine wesentliche Voraussetzung ihrer Arbeit. WHITAKER: „Wir wurden gezwungen, uns einzugestehen, daß Familienpsychotherapie nur bei Inanspruchnahme eines Teams effektiv war. Ein guter Chirurg kann eine RoutineApendektomie alleine vornehmen. Aber ein guter Chirurg würde keine größere Bauchoperation ohne die Hilfe eines ebenbürtigen Kollegen versuchen. Wir glauben,daß Familientherapie eine große Operation ist. Manipulative Psychotherapie mag für kleinere Operationen genügen, für große Operationen aber reicht sie nicht aus. Obwohl wir Übertragungsgefühle manipulieren, ist es unmöglich„Kontrolle` über das Geschehen in der Familie zu gewinnen. In diesem Stadium unseres Wissens können wir die Familie nicht ‚verstehen'. Wir wissen nicht genug, wir sind nicht clever genug, und, weiß Gott, wir sind nicht reif genug, persönlich in das Familiengeschehen verwickelt zu werden und dennoch objektiv unserer persönlichen Verstrickungen und ihrer Beziehungen zum Familienprozeß gewahr zu werden.
Implizit ist daher unsere Aufgabe, als ein Team zur Verfügung zu stehen und als Teilnehmer in das psychologische und soziale Feld der Familie einzusteigen, um so der Familieneinheit in ihrem auto-psychologischen Wiederherstellungsprozeß zu helfen" (9a, 5.185)
Auch diese Gruppe von Therapeuten verfolgt, wie die Conductors, konkrete therapeutische Ziele: „Der Familientherapeut", sagt JUNGREIS, den FERBER auch in diese Gruppe zählt, „muß aktiv sein und insistieren, sonst erzielt er keine Wirkung" (18). In dieser Einstellung unterscheiden sie sich wie alle Familientherapeuten von den traditionellen therapeutischen Schulen.
Die ,System-Puristen'. Eine konsequente Abkehr von der psychoanalytischen Betrachtungsweise praktizieren die ‚System-Puristen', wie BEELS und FERBER sie nennen. Zu ihnen gehören die Begründer einer allgemeinen kommunikationstheoretischen Betrachtungsweise menschlicher Interaktion. Es sind ebenfalls ‚Reagierende', aber keine Analytiker: Don D. JACKSON, Jay HALEY und Gerald ZUK. Ihre Arbeitsweise gründet auf der genannten Arbeit von BATESON et al. (1956), die von ihnen auf dem Hintergrund ihrer systemtheoretischen Orientierung in Richtung eines allgemeinen Verständnisses von menschlicher Kommunikation erweitert wurde. Der Vorzug ihrer Theorie liegt, abgesehen von ihrer logischen Eleganz, in dem Versuch, Strukturen von Kommunikationen zu beschreiben. Dem allgemein-interessierten Leser soll nicht das Vergnügen der Lektüre des Buches ,Menschliche Kommunikation' von WATZLAWICK, BEAVIN und JACKSON (34), der ,Strategies of Psychotherapy von Jay HALEY (16a) genommen werden, und der interessierte Therapeut wird ,The Marital quid pro quo' und ,The Study of the Family' (17c, b) von Donald D. JACKSON genauer lesen wollen. Einige wenige Hinweise aber sollen eine allgemeine Orientierung erleichtern.
In seinem Buch: ,The Question of Family Homeostasis' (1957) beschreibt der inzwischen verstorbene JACKSON Familien als ein System. Verhaltensänderungen eines Familienmitglieds können nur aus der Funktionsweise des gesamten Systems heraus geklärt werden. Das merkt man, wenn ein Familienmitglied ,verrückt spielt'. Man merkt es aber auch, wenn dieses Familienmitglied (nach erfolgreicher Therapie etwa) aufhört, ,verrückt zu spielen'. Häufig genug wird dann ein anderes Familienmitglied ‚krank'. Daß Familien als System funktionieren, merkt man auch bei der Individualtherapie. Oft genug wird ja der Erfolg der Therapie durch nichtbehandelte Familienmitglieder entscheidend mitbestimmt (,absent member manoeuvres').
Die System-Puristen betrachten jedes Individuum als ,Black box'. Was sich ‚im' Individuum abspielt, ist ihnen von weniger großer Bedeutung als vielmehr die Wirkungen seines Verhaltens auf das Verhalten anderer Personen. Das Verhalten kann der Therapeut sehen, darin liegt ein enormer Vorteil (analog zur Beurteilung eines Schachspiels, in dem die Stellung der Figuren in jedem Augenblick des Spiels Aufschluß über dessen gegenwärtigen Stand gibt). Nicht die intrapsychi-sche Dynamik macht nach dieser Betrachtungsweise einen Menschen aus. Der Mensch wird als Produkt seiner Beziehungen zur Umwelt angesehen, und hier ist auch der Ansatzpunkt therapeutischer Interventionen. Die System-Puristen gehen von Regeln aus, die die Beziehungen in der Familie steuern. BEELS und FERBER geben sieben solcher Regeln an:
1. ,Alles Verhalten ist Kommunikation':
Es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren, da auch eine Weigerung, Mitteilungen zu geben oder zu empfangen, ein Kommentar zu der Beziehung zwischen den Menschen ist, die in Kontakt stehen.
2. Mitteilungen haben eine ,Report- und eine ,Command-Funktion:
Die Mitteilung ,es regnet' ist ein Report (Bericht), aber je nach Kontext, Modulation und Beziehung zwischen Sprecher und Hörer kann es auch ein ,Command` (Befehl, Aufforderung, Appell) sein (zum Beispiel der, gefälligst an den Regenschirm zu denken).
3. Commands definieren die Beziehung:
Der Command-Aspekt einer Kommunikation ist ihr schwieriger Teil (,troublesome pari), weil durch ihn die Beziehungen der miteinander kommunizierenden Leute bestimmt werden. Dabei können Zweideutigkeiten, Mißverständnisse und Doppelzüngigkeit vorkommen.
4. In Familien haben Command-Mitteilungen die Bedeutung von Regeln:
Aus der Struktur der vielfältigen Command-Mitteilungen, die zwei oder mehrere Beziehungspersonen austauschen, kann man ihre Beziehungsregeln erkennen. Diese Regeln zwingen das Verhalten der Familienmitglieder in Muster gegenseitiger Beeinflußung. Wenn das Verhalten einer Person sich den etablierten Verhaltensgrenzen nähert, werden Sanktionen (in diesem Fall Strafen, aber auch Lob) erteilt, so lange bis das Verhalten wieder innerhalb des akzeptierten Rahmens bleibt.
5. Wandel und Stabilität:
Wenn jemand in einer Familie die Beziehungen verändern will, machen die regulierenden Antworten anderer, die das System stabilisieren und die Änderungen reduzieren, deutlich, daß die Herrschaft im System, bei der Person oder den Personen liegt, die der Veränderung Widerstand leisten. Kinder, besonders aber Jugendliche, sind die natürlichen Initiatoren von Veränderungen in Familien, und Mütter haben in der Literatur Berühmtheit erlangt als die Bewahrer des Gleichgewichts. JACKSON und andere haben allerdings den sicheren Nachweis erbracht, daß alle Familienmitglieder der Änderung eines beliebigen anderen Widerstand entgegensetzen.
6. Die Unfähigkeit eines Systems, seine Regeln zu ändern, ist pathologisch:
Das System wird als krank angesehen, wenn Regeln so gesetzt sind, daß sie nicht mehr geändert werden können. Das ist etwa der Fall bei einer Familie mit der wirksamen Regel, die besagt: „Mutter bestimmt, wann wir schlafen gehen" und mit einer zweiten Regel die sagt: „Keiner von uns ist der Meinung, daß irgend jemand bestimmt, wann wir schlafen gehen–wir brauchen Schlaf für unsere Gesundheit". In einer solchen Familie kann man nicht über die Zeit zum Schlafengehen verhandeln, ohne eine oder beide dieser Regeln zu brechen. Niemand kann eine Position außerhalb der Kommunikation (eine Meta-Position) einnehmen und über die Regeln reden, in der Absicht, sie zu ändern. JACKSON weist besonders auf den schädlichen (pernicious) Effekt einer Benutzung von Werten („Gesundheit") für die Verheimlichung von wirksamen Regeln hin.
7. Der Familientherapeut muß sich selbst als MetaKommunikator oder Änderer der Familie etablieren:
Er kann helfen, die festgefahrenen Familien-Beziehungen zu entkrampfen. „Er ist die dritte Person, der zwei (oder mehr) andere sich mit ihrem festgefahrenen, endlos weiterdrehenden System vorstellen. Sie spielen ein Spiel ohne Ende, und er muß intervenieren und die Regeln ändern, weil sie selbst nicht von ihnen frei werden können ..." (BEELS und FERBER (8) S. 189 f.).
Regeln wie diese sieben sind die Grundlagen, auf denen die Interventionstechniken der System-Puristen aufbauen.
HALEY, einer ihrer Vertreter, beschreibt ausführlich in seinem 1963 herausgegebenen, bisher noch nicht übersetzten Buch ,Strategies of Psychotherapy', wie er in Familien interveniert. Einer seiner ‚Tricks' wird ‚Symptomverschreibung` genannt. Ausgehend von der Annahme, daß das ‚Symptom' eines Individuums Ausdruck für Schwierigkeiten in der Kommunikation der Familie ist, anders ausgedrückt „adaptive Funktion" in einer verwirrenden Situation hat, strebt er durch Änderung des Symptoms eine Änderung von kommunikativen Sequenzen zwischen den Familienmitgliedern an.
Das Symptom wird von HALEY als spontane, d. h. nicht willentlich intendierte Kommunikation angesehen. Es kommentiert auf einer höheren Ebene die gestörte Beziehung zwischen den Familienmitgliedern. Auf dieser Ebene greift der Therapeut ein, indem er dem ‚Patienten' genau jenes symptomatische Verhalten ‚verschreibt', das er von sich aus praktiziert. Durch diese Aufforderung kann das Symptom aber nicht mehr spontan, d. h. in der gleichen Weise, praktiziert und auch von den anderen nicht mehr in der gleichen Weise beantwortet werden. „Ein Ehepaar dazu anzuregen, sich in der ihnen gewohnten Weise zu verhalten ist paradoxerweise eines der schnellsten Mittel, eine Änderung herbeizuführen", sagt HALEY (15a, S. 143f.).
JACKSON (17 a–d) gilt als besonders erfinderisch bei seinen Interventionen in familiären Machtkämpfen. Eine seiner Taktiken, ein als ‚schizophren' behandeltes Kind zu entlasten, ist, seinen Bruder oder seine Schwester aufzufordern, für die Eltern noch etwas schwieriger zu werden, und damit anzudeuten, daß nicht nur der ‚Kranke' ein Problem ist. Einen delinquenten Stiefsohn forderte er einmal auf, die Anweisungen seiner Stiefmutter nicht zu beachten, auch wenn sie noch so wütend wird. Sein mit LEDERER verfaßtes Buch ,The Mirages of Marriage` (21), beschreibt in 8 Unterkapiteln verschiedene Techniken„den Ehepartner verrückt zu machen' offenbar nach der Erfahrung, daß „die Symptomverschreibung das Symptom oft beseitigt, noch bevor die Verschreibung ausgeführt ist. Es scheint mit der Intention zu erlahmen" (9a, S. 194).
Jay HALEY, über dessen therapeutische Methode hier schon kurz berichtet wurde, ist der, für den an Familientherapie Interessierten, wohl bei weitem interessanteste Autor. HALEY gehörte zu den Autoren der 1956 publizierten Arbeit ,Auf dem Weg zu einer Schizophrenie-Theorie', gründete 1962 mit Don D. JACKSON zusammen die Zeitschrift ,Family Process', gab 1963 ein eigenes, brilliant formuliertes Buch heraus (16a) und studierte dann mehrere Jahre lang auf Reisen durch die USA die von anderen Gruppen entwickelten familientherapeutischen Techniken. Der von ihm 1971 herausgegebene ,Family Therapy Reader' (16b) ist eine vielseitige, vorzügliche Übersicht über die Methoden der Familientherapie, und die mit GLICK 1971 zusammen herausgegebene annotierte Bibliographie ,Family Therapie and Research' (14) eine gegliederte Dokumentation der in den Jahren 1950-1970 publizierten Schriften und Filme mit über 2000 Titeln und etwa 800 Namen.
Andere Therapeutengruppen. Die Einteilung von BEELS und FERBER, der wir in unserer Besprechung bisher folgten, ist nicht unwidersprochen geblieben. Sie selbst geben dieser Kritik Raum in ihrem Buch. Sie haben auch nicht alle familientherapeutischen Gruppen und Ansätze in ihre Beobachtungen aufnehmen können. Dennoch schien uns ihre Einteilung mindestens für die didaktischen Ziele unserer Darstellung sinnvoll, um dem Leser einen Rahmen für die Einordnung der publizierten Arbeiten und Ansätze zu geben oder auch die Möglichkeit, sich als Therapeut konzeptuell irgendwo anzusiedeln. Die bisherige Darstellung der Methoden der Familientherapie wollen wir um zwei weitere wichtige Ansätze erweitern: die Netzwerk-Intervention und die jahrelange, methodisch überzeugende Arbeit an dem Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit der Familientherapie durch die Familientherapie-Abteilung an der University of Colorado.
Netzwerk-Intervention. Die Technik der Netzwerk-Intervention wurde von Ross V. SPECK und Carolyn L. ATTNEAVE (31a, b) in den letzten Jahren entwickelt. Ihre Publikationen sind außerordentlich überzeugend, und das Verfahren ist offensichtlich eine konsequente Lösung des Problems, dem Familientherapeuten häufig begegnen, wenn sie beginnen, dem als ‚Patienten' bezeichneten Individuum in seiner Familie zu helfen. Die verwirrende und bedrückende Erfahrung der Therapeuten in der Familie ist ja dadurch bestimmt, daß auch die anderen Familienmitglieder therapeutische Hilfe benötigen.
SPECK und ATTNEAVE machen mit der hilfsbedürftigen Familie im Prinzip das gleiche, wie alle Familientherapeuten mit dem ‚Patienten': sie suchen die Hilfe in der größeren sozialen Einheit. SPECK und ATTNEAVE nennen sie: das soziale Netzwerk der Familie.
Wenn die Familie mit dem Patienten zu ihnen kommt, sehen auch sie ihre erste Aufgabe in der Neudefinition des Problems: ‚Symptome' des ‚Patienten' werden definiert als natürliche Reaktion auf eine inadäquate Sozialstruktur. Diese Sicht der Problematik wird den engeren Angehörigen verständlich gemacht. Man schlägt ihnen dann vor, an einem vereinbarten Abend das gesamte ,soziale Netz' von Freunden, Verwandten und Nachbarn im Haus der Familie zu versammeln, um dort mit dem Interventionsteam zusammenzutreffen. Als gewünschte Anzahl von Personen geben die Therapeuten nicht unter 40 an.
Das Interventionsteam besteht aus mehreren Therapeuten und Ko-Therapeuten, die verschiedene Rollen übernehmen und sich gegenseitig gut kennen. Sie kommen einzeln, bleiben manchmal, wenn es sich ergibt, inkognito, und treten nicht als Gruppe auf. Der Leiter (Conductor) der Sitzung sollte ,so etwas wie ein guter Diskussionsleiter oder Regisseur sein (besonders, wenn er nach den Methoden von STANISLAWSKI arbeitet)'.
Die Ereignisse während der Zeit, in der die Mitglieder des Netzwerkes eintreffen, aber auch schon die vorangehenden Telefongespräche bezeichnen die Autoren als die Phase der ‚Retribalization' (von ,tribe', Stamm oder Sippe). Man lernt sich kennen oder informiert sich über die Ereignisse der Vergangenheit, denn manche der Mitglieder haben sich lange nicht gesehen. Die Autoren beschreiben sechs nach ihren Erfahrungen benannte Phasen des Verlaufs der Sitzung, die sie offenbar gut überblicken und katalysieren können:
1. Vernetzung (Retribalization) 2. Polarisierung (auf die Probleme) 3. Mobilisierung (der Helfer) 4. Depression 5. Durchbruch 6. Erschöpfung-Erleichterung
Sie sorgen in jeder Sitzung dafür, daß alle Phasen durchlaufen werden, um den ‚Netzwerk-Effekt' zu erzielen und benötigen meist eine Reihe von Netzwerk-Treffen, um die Probleme der Familie zu lösen.
Die Erfahrung der Therapeuten ist, daß sie in dem erweiterten Netzwerk fast immer finden, was für den Patienten und die Familie nötig ist – und zwar wesentlich billiger als in therapeutischen Institutionen. Wenn die Autoren in ihrem Text davon reden, daß die anfängliche Psychose ihnen gelegentlich ‚dahinschmilzt', bleibt das glaubwürdig. Für das Netzwerk selbst scheint der relativ große Aufwand mehrerer Netzwerksitzungen für einen Patienten (mehr als für Geburt, Hochzeit und Tod zusammengenommen) eine wesentliche, positive Erfahrung zu sein, mit einer Reihe von überraschenden therapeutischen Nacheffekten bei anderen Mitgliedern (der ‚Systemeffekt`). Einer der Autoren (SPECK) sieht die Zukunft der Methode in der ,selfhelp therapeutic community – eine überzeugend-aufregende Perspektive.
Die Methode der Krisenintervention. Die Methode der Krisenintervention der Fami- lientherapie-Abteilung in Colorado wurde sehr ausführlich beschrieben (20a). Wir können hier nur eine kurze Zusammenfassung ihres Vorgehens aus einer kürzeren Darstellung wiedergeben (23). Sie beschreiben 7 Punkte ihrer Strategie, die simultan und nicht als aufeinanderfolgende Schritte zu verstehen sind:
1. Sofortige Hilfe: Die Familie des Patienten, der ins Hospital eingeliefert werden sollte, wird sofort von einem Psychiater, einem Sozialarbeiter, einer Schwester oder allen dreien besucht und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit; darüber hinaus wird zugesagt, daß von da ab rund um die Uhr immer jemand verfügbar ist.2. Definition des Problems als Familienkrise: Das Problem wird als eine Krise in der Familie definiert. Alle abwesenden Haushaltsmitglieder und die entfernteren Angehörigen werden mit einbezogen; die Krisengeschichte wird erhoben und jeder Versuch wird blockiert, das Problem in der Verrücktheit einer Person zu sehen und als Lösung seine Einlieferung zu suchen.
3. Gewicht auf der gegenwärtigen Krise: Man befaßt sich nur mit der gegenwärtigen Krise. Die Vergangenheit wird nur zu ihrer Erhellung herangezogen.
4. Allgemeine Vorschriften: Übertriebene Regression wird blockiert, und es werden beruhigende Versprechen gegeben. Medikamente gegen Angst und für Symptomverminderung werden sehr frei gegenüber allen Familienmitgliedern gehandhabt.
5. Spezielle Vorschriften: Zunächst werden Aufgaben gestellt zur Behebung der ge- genwärtigen Krise. Sobald der Krisenprozeß definiert ist, werden spezifische Lösungen für das zugrundeliegende Problem empfohlen.
6. Verhandlungen über familiäre Rollen: Konflikte über Rollen-Zuweisungen und -Erfüllung, über offene und versteckte Familienregeln, über Ziele oder die Beurteilung der Vergangenheit, wie sie praktisch immer der Krise vorausgehen, werden mit den Familienmitgliedern ausgehandelt. Man regt die langfristige Fortsetzung dieses Verhandlungsverfahrens an.
7. Behandlung zukünftiger Krisen: Die Verfügbarkeit des Teams in zukünftigen Krisen wird ausdrücklich betont, auch dem überweisenden Arzt gegenüber.
Diese knappe Darstellung, die die Autoren von ihren Methoden geben, wird in dem Text (23) vielfach ergänzt durch Hinweise, die dem Leser deutlicher machen, was dahinter noch alles enthalten ist, z. B.: ,Die Techniken der Familientherapie-Abteilung entwickelten sich schrittweise, empirisch und oft schmerzhaft, innerhalb des Rahmens der gestellten Herausforderung oder ,Die Familie, die Angst vor der Vorstellung hat, den Patienten mit nach Hause zu nehmen, kann außerordentlich beruhigt werden, wenn sie weiß, der Therapeut wird später am Nachmittag oder am nächsten Morgen in ihrer Wohnung sein und bis dahin telefonisch erreichbar bleiben. Sie werden außerdem beruhigt dadurch, daß der Therapeut das Gefühl vermittelt, daß es ‚nichts' gibt, womit er nicht umgehen kann.
Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit der Familientherapie
Individuelle Therapie nach FORD und URBAN (10).
1. Zwei Menschen in vertraulicher Interaktion;
2. Die Interaktionsform ist gewöhnlich verbal;
3. Die Interaktion läuft über einen längeren Zeitraum;
4. Das erklärte und vereinbarte Ziel der Beziehung sind Verhaltensänderungen in einem der beiden Partner;
Familientherapie nach BEELS und FERBER (96)
1. Mehr als zwei Menschen, deren Interaktion in diesem wesentlichen Ausmaß nicht vertraulich ist. Die Technik des Wechsels von der zwei- zur drei- und zur Mehr-Personen-Interaktion ist diskontinuierlich; 2. die nicht-verbale Interaktion (Verhalten) erlangt neben der verbalen primäre Bedeutung. Die Manipulation der Anwesenheit, der Gestik, der Sitzordnung und Haltung durch jeden und alle Teilnehmer ist wesentlich; 3. die Interaktion läuft oft weniger lange als bei individueller Therapie, obwohl die Zeit sehr variabel ist; 4. das erklärte und vereinbarte Ziel der Beziehung sind Änderungen im System der Familieninteraktion, nicht Änderungen im Verhalten von Individuen. Individuelle Änderungen treten auf als Nebenprodukte der Systemänderung.
Der empirisch wissenschaftliche Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit der Familientherapie führt notgedrun-gen zu einer Forschungsarbeit von nahezu unvorstellbarem Ausmaß. So ist zu verstehen, warum dieser Nachweis erst anderthalb Jahrzehnte nach Publikation des ersten kommunikationstheoretischen Erklärungsansatzes für die Entstehung der Schizophrenie erbracht werden konnte. Der Nachweis muß nach einem verläßlichen Stichprobe-verfahren als Vergleich zur Behandlung in der psychiatrischen Klinik geführt werden, ein Verfahren, das auch in der somatischen Medizin zu den seltenen gehört. Die Patienten beider Therapieformen müssen aus der gleichen Stichprobe kommen, was enge Zusammenarbeit zwischen Kliniken und Familientherapeuten, also Beilegung ideologischer Differenzen voraussetzt. Die Unsicherheit der psychiatrischen Diagnosen verlangt eine entsprechend große Zahl von behandelten Fällen, die lange Dauer psychischer Störungen eine lange Beobachtungszeit und die notwendige Quantifizierung der Ergebnisse komplizierte sozialwissenschaftliche Meßinstrumente. Alles zusammen ergibt ein Forschungsprojekt, das nur mit sehr großem persönlichen Einsatz und unter sehr günstigen Umständen realisierbar ist.
Der Nachweis wurde dennoch geführt und zwar vom ,Family Therapy Unit der University of Colorado in Denver, die ihre Methode als ‚FamilienKrisen-Therapie' publiziert haben (20a, b, 23) Die Arbeit des Family Therapy Unit begann im Jahre
1964 mit Behandlung von 36 Fällen. Nach Entwicklung der Therapiemethoden arbeitete man nach einem Zufallsstichprobenverfahren mit insgesamt 300 Fällen, von denen 150 in der Familie und die anderen in der Klinik behandelt wurden. Die 300 Fälle waren eine Zufallsstichprobe aller in das ,Emergency Unit der Klinik eingelieferten Fälle; meist Jugendliche oder jüngere Erwachsene aus der Arbeiter-und Mittelschicht, mit der Diagnose ‚Schizophrenie' oder ‚Depression'. Das Stichprobenverfahren hatte keine Mängel. Von den 15 Kontrollgrößen für die Gleichheit der beiden Behandlungsgruppen ergab sich für keine ein statistisch signifikanter Unterschied.
Die Behandlung der Kontrollgruppe in der Klinik war nach psychiatrischen Standards vorzüglich: Sie erfolgte im Hospital der University of Colorado, Denver, mit einem hohen Personal-Patient en Quotienten, mit individueller und Gruppen-Psychotherapie, therapeutischen Gemeinschaften, Medikamenten und begleitender Familienbetreuung durch psychiatrische Sozialarbeiter. Die durchschnittliche Behandlungsdauer in der Klinik betrug 26 Tage. Die Behandlung der familientherapeutisch behandelten (Experimentalgruppe) dauerte durchschnittlich drei Wochen, und erforderte im Durchschnitt einen Hausbesuch der Therapeuten, fünf Konsultationen der Familie in der Familientherapie-Abteilung und einige Telefonate. Die Autoren geben auch einen Vergleich der Behandlungskosten: 1300 Dollar durchschnittlich pro Patient in der Klinik gegenüber 200 Dollar durchschnittlich für den durch Familien-Therapie behandelten Patienten.
Wie waren die Resultate? Die Autoren haben die Ergebnisse der zwei Behandlungsformen an verschiedenen Kriterien geprüft:
1. Vermeidung der Hospitalisierung: Das primäre therapeutische Ziel, die Vermeidung der Hospitalisierung, gelang den Therapeuten in allen experimentellen Fällen, während die 150 Kontrollpatienten alle hospitalisiert wurden. Das bedeutet, daß während der Behandlungsperiode alle Familien bereit und in der Lage waren, den bereits zur Klinik gebrachten ‚Patienten' im Familienverband zu belassen. Die Therapeuten waren also imstande, die Situation in der Familie erträglich zu halten. Die Frage, die geprüft werden mußte, war: Ist die Einlieferung vermieden oder nur verschoben worden?
2. Rückfallquote: Diese Frage wurde in den 6 Monaten der Nachbeobachtung geklärt. Von den klinisch behandelten Fällen wurden nach der Entlassung 16 (= 21%) wieder eingeliefert. Von den familientherapeutisch behandelten Fällen wurden in den 6 Monaten nach der Behandlung 14 ( = 19%) von der Familie, einem Arzt oder auch von den Therapeuten selbst in klinische Behandlung überwiesen. In dieser Hinsicht bestanden also keine signifikanten Unterschiede.
3. Rückfallschwere: Die Dauer der Rückfallbehandlung für die beiden Gruppen war sehr verschieden. Sie betrug für die 16 Fälle der Kontrollgruppe durchschnittlich 68 Tage, für die experimentelle Gruppe 30 Tage.
4. Soziale Anpassung: Ein Instrument zur Überprüfung des Behandlungserfolges war das ,Social Adjustment Inventory (3), ein Fragebogen, der bei Aufnahme der Behandlung und 3 und 6 Monate nach Behandlung angewandt wurde. Seine Auswertung ergab, daß die experimentelle Gruppe in allen Punkten in der Nachbeobachtungszeit gleich gut oder besser abschnitt als die klinisch behandelte Gruppe. Beide Gruppen zeigten Besserungen von Beginn der Behandlung bis zum dritten Monat nach Behandlung und von da bis zum sechsten Monat.
5. Persönliche Rollenbeherrschung:Ein zweiter Fragebogen, die ,Personal Functioning Scale der entwickelt wurde, um die Wiederaufnahme der persönlichen Rollen (Arbeit, Schule, Haushalt) zu messen, ergab ähnliche Ergebnisse. Beide Gruppen wurden besser, die familientherapeutisch behandelte nicht weniger als die Kontrollgruppe.
6. Verlorene Tage: Die Autoren bestimmten auch die durch Krankheit verlorenen Tage in den normalen Rollen der Patienten. Während der Behandlung verloren die klinischen Patienten durchschnittlich 24 Tage, die in der Familie behandelten durchschnittlich 8 Tage. Nach Beendigung der Behandlung verloren die klinisch behandelten durchschnittlich 48 Tage, die familientherapeutisch behandelten durchschnittlich 17 Tage. Die letzteren Zahlen sind dabei stark beeinflußt durch Einzelfälle (5 experimentelle Fälle und 9 Kontrollfälle nahmen in dem Beobachtungszeitraum von 6
Die Abstraktion des Patienten von Freunden und Familie führt zum Entstehen von Pseudo-Problemen
Monaten ihre Arbeit nicht wieder auf; eine größere Zahl der Hospitalisierten verlor ihren Arbeitsplatz und konnte infolge der Hospitalisierung keine neue Arbeit finden).
Psychiatrische Diagnosen: Dem aufmerksamen Leser mag sich bei der Lektüre des letzten Abschnittes die Frage gestellt haben, warum nicht genauer darüber berichtet wurde, wie die 300 Patienten der Untersuchungsgruppe in Colorado zu ihren Diagnosen kamen. Das ist nicht ein Fehler der Berichterstattung oder eine Unterlassung der Untersucher, sondern ein Problem der Medizin: es gibt kein einziges sicheres Kriterium der Diagnose ‚Schizophrenie' oder ,manischdepressives Irresein'. Um überhaupt zu einer definierbaren Untersuchungsgruppe zu kommen, verwendeten die Autoren einen einfachen Kunstgriff: sie diagnostizierten nicht selbst, sondern überließen das den Residents (Assistentenärzte) der Aufnahmestation. Erwiesen war also nicht, daß die Patienten an Schizophrenie (oder an einer Depression) erkrankt waren. Erwiesen war nur, daß nach den üblichen Verfahren der Medizin diese Diagnose gestellt, und die Hospitalisierung verordnet war.
Es ist für den Arzt nicht leicht, Diagnosen zu stellen. Seine Situation in der Aufnahmeabteilung einer psychiatrischen Klinik oder beim Schreiben eines Entlassungsbriefes an den behandelnden Arzt aber verlangt von ihm eine Entscheidung. Jeder Arzt kennt psychiatrische Briefe, die auf diese Weise entstehen. Weil, wie hei anderen Geistesstörungen ... hei der Schizophrenie ein Symptom allein die Diagnose nicht sicher' macht (BLEULER, S.409), werden Beobachtungen zu Sympto- men stilisiert und möglichst viele Symptome gesammelt.
Im Denken der Psychiater wird dann: • „nervöses Hin- und Hergehen" zu „umtriebig" • eine zugleich positive und kritische Einstellung zum Lebenspartner zu „Ambivalenz der Gefühle"• verunsichertes Lächeln zu „läppisches Grinsen"• nicht auf den Arzt eingehen zu „konnte nicht auf ein Thema fixiert werden" oder „konnte kein geordnetes Gespräch führen" • zum Arzt keinen Kontakt aufzunehmen zu „Kontaktarmut".
Die Diagnose ist nicht leicht zu sichern, weil man sehr viele dieser „Symptome" auch bei „normalen" Personen feststellen kann.
Was tut ein Arzt, der in einer bestimmten Situation eine Diagnose nicht stellen, aber auch nicht ausschließen kann? Er hat zwei Möglichkeiten:
a Festzustellen, daß ihm eine Diagnose nicht möglich ist, und b weiter zu untersuchen.
Die Situation, daß eine Diagnose nicht gestellt werden kann, kommt in der Medizin häufig vor und wird vernünftigerweise entschieden nach dem Verhältnis von Gefahr durch die Krankheit und Aufwand der Diagnose. Man sagt: „Die Diagnose soll nicht schlimmer sein als die Krankheit".
Kann ein Psychiater eine Schizophrenie nicht ausschließen, fällt er praktisch immer die Entscheidung b), weiter zu untersuchen, und das bedeutet in der Regel die Einlieferung des Patienten zur Beobachtung.
Dieser diagnostische Aufwand ist auf jeden Fall eine schwere Beeinträchtigung für den Patienten, und auch auf die lange Sicht für seine soziale Situation nicht ohne negative Folgen. Überraschenderweise setzt der Arzt diese Entscheidung fast immer durch.
Das gelingt ihm meist durch Hinweise an die ohnedies verängstigten Angehörigen auf mögliche Gefahren und durch freundliche Überredung des Patienten. Daß diese Freundlichkeit keine echte menschliche Zuwendung ist, ist aus der Lehre der traditionellen Psychiatrie ohne weiteres abzuleiten. Spürt das aber ein sensibler Patient, befindet er sich bereits in einer double bind-Situation. Die Folgen für einen Menschen in double bind-Verstrickung sind nach der Arbeit von BATESON in ihren schädlichen Auswirkungen aber klar. Die Folgen der Hospitalisierung
,Die übliche Abstraktion eines Kranken von dem Bezugsystem der Freunde und Familie, in dem er gefangen ist, verzerrt das Problem unverzüglich und öffnet der Erfindung von Pseudoproblemen Tür und Tor, die dann ganz ernsthaft kausal klassifiziert und analysiert werden – alle wirklichen Probleme sind unbemerkt (zusammen mit den sich entfernenden Angehörigen) durch die Anstalttore verschwunden'. Dieses Zitat von COOPER (Psychiatrie und Anti-Psychiatrie, (7, Seite 43) kennzeichnet, wenn auch sehr knapp, die Situation in der institutionellen Psychiatrie. Ihre Überwindung hat sich die Familientherapie zum Ziel gesetzt. Die Wichtigkeit familientherapeutischer Ansätze kann noch vollständiger erfaßt werden, wenn man versteht, worunter Patienten leiden, wenn sie das Fegefeuer der institutionellen Psychiatrie mit mehr oder minder großem Schaden überstanden haben. Während familientherapeutische Behandlungen für die Kontinuität der Beziehungen zwischen ‚Patient' und Umwelt sorgen, und bemüht sind in diesem Rahmen eine neue Basis für seine emotionale Stabilität zu errichten, setzt sich nach Hospitalisierung in einer psychiatrischen Klinik die ,psychische Invalidisierung dieser Menschen fort.
Wir wollen noch einmal die Arbeit von ROSENHAN aufgreifen, und einen Teilaspekt genauer darstellen. Er findet in seiner Untersuchung, daß gerade jene Personen den geringsten Kontakt mit dem Patienten haben, die den größten Einfluß auf seine persönliche Freiheit besitzen. Dem Patienten der Klinik werden viele seiner bürgerlichen Rechte entzogen, wie der Schutz seiner Intimsphäre (seine Biographie ist jedem Mitglied des Stationsteams zugänglich, ebenso sein jeweiliger Aufenthaltsort auf der Station, die Toiletten haben keine Türen etc.).
Die Ursprünge der Tendenz, bestimmte Personen in bestimmten Situationen weniger menschlich zu behandeln als bestimmte andere Personen in bestimmten anderen Situationen, sieht ROSENHAN 1. in der ,Einstellung gegenüber Geisteskranken, gekennzeichnet durch Angst, Mißtrauen und der Erwartung, daß schreckliche Dinge passieren werden, einerseits, und gut gemeinten Absichten auf der anderen Seite. Diese Ambivalenz führt zu Vermeidungsverhalten' (S. 256);
2. macht ROSENHAN die hierarchische Struktur einer psychiatrischen Klinik für den Prozeß der Depersonalisation verantwortlich, wobei die, die an der Spitze stehen, als Verhaltensmodell für die Gehilfen dienen;
3. nennt ROSENHAN finanzielle Engpässe und deren Folgen in Form von Stellenkürzungen, die zu Lasten des Kontaktes zum Patienten gehen. Jedoch hat er den Eindruck, daß hier durchaus Prioritäten gesetzt werden, indem die Häufigkeit von Ärztebesprechungen und der enorme Aufwand an Patienten-Beobachtungen weniger gekürzt werden als der Kontakt zu den Patienten. Schließlich, so meint ROSENHAN, sorge die Verabreichung von psychotropen Medikamenten für die Aufrechterhaltung der Überzeugung, daß die Behandlung fortgesetzt wird und weiterer Patientenkontakt nicht nötig ist. Diese wenigen Hinweise mögen zur Beschreibung der Situation eines ‚Patienten' in der Klinik hinreichen. Seine prognostische Belastung durch das Etikett „geisteskrank“ zeitigt ihre Wirkung mit dem Moment seiner Entlassung. „Einmal geisteskrank, immer verdächtig“. Sehr bald entpuppt sich die Gemeinschaft als eine Reihe privater oder öffentlicher Arbeitgeber, die bei den geringsten ‚unverständlichen' Reaktionen ihre Vorbehalte gegen ‚Geisteskranke' bestätigt sehen und eifrig nach jenen Fachleuten rufen, deren Aufgabe es eigentlich wäre, solche Vorbehalte abzubauen. Der Stempel ‚schizophren', gegeben von einer meist öffentlichen Institution, garantiert seinem Träger zu einem gewissen Grad Arbeitslosigkeit, soziale Verachtung, sozialen Abstieg, Isolation und schließlich das Damoklesschwert einer erneuten Einweisung.
Die Verunsicherung angesichts der feindlichen Haltung ihrer Umwelt verleitet nicht wenige ehemalige Patienten dazu, in die Klinik zurückzukehren! Dort werden sie den Studenten der Psychologie und Medizin dann als der Beweis dafür vorgeführt, daß viele zurückkommen.
Was kann ein solcher Außenseiter – angenommen er wäre von seiner Krankheit geheilt– mit seinem Leben tun? Wenn er erkennt, daß er gesund ist, und diese Erkenntnis dem Arzt mitteilen will, wird dieser ihm aufrichtig zuhören? Oder Freunde, die selbst nichts von Psychiatrie verstehen, aber von der Diagnose wissen, werden sie ihm glauben? Und angenommen, er könnte darstellen, wie er in seine Verwirrungen kam, wer kann zu ihm sagen „ich verstehe das gut", oder „ich glaube auch, daß Du es jetzt geschafft hast"?
WATZLAWICK, BEAVIN und JACKSON schreiben in ihrem Buch ,Menschliche Kommunikation' (34, S. 84) in einem Abschnitt über ,Ich-Du-Definitionen', daß die ,Bestätigung oder Ratifizierung von A's Identität durch B ... die wichtigste Voraussetzung für geistige Stabilität und Entwicklung' darstellt, die sich aus ihren Untersuchungen (sie arbeiten am Mental Research Institut in Palo Alto, Cal.) ergeben hat:
„Wir müssen annehmen, daß sich ohne diesen befriedigenden Austausch an Ich-DuDefinitionen, die menschliche Kommunikation kaum über den sehr engen Rahmen jener Mitteilungen hinausentwikkelt hätte, die für Schutz und Überleben unerläßlich sind; es bestände kein Grund zur Kommunikation lediglich um der Kommunikation willen. Alltägliche Erfahrung läßt jedoch keinen Zweifel darüber, daß ein großer Teil unserer Kommunikationen gerade diesem Zwecke dient und nicht etwa nur dem Informationsaustausch. Die Vielfalt der Gefühle, die Menschen für einander haben können, würde kaum existieren, und wir würden in einer Welt leben, in der es nichts außer reiner Zweckmäßigkeit gäbe, einer Welt ohne Schönheit, Poesie, Spiel und Humor.Es hat den Anschein, daß wir Menschen mit anderen zum Zweck der Erhaltung unseres Ichbewußtseins kommunizieren müssen." Wenn niemand mehr bereit ist, ohne Vorbehalt mit einem Menschen zu kommunizieren, der einmal geisteskrank war, dann gibt es für diese Kranken kein erstrebenswertes Schicksal mehr.
In einer vor zwei Monaten erschienenen Arbeit über Ursachen und Motive des Selbstmords bei Schizophrenen befassen sich KIROW und KAMENOW mit den ,Ursachen und Motiven des Selbstmords bei Schizophrenen' Sie weisen in ihrer Untersuchung darauf hin, daß ,Selbstmorde unter den Schizophrenen in ihrem prozentuellen Verhältnis gleich jenen sind, welche Depressive begehen'. Bei den Motiven finden sie eine Grup- pe der ,nicht-psychotischen Selbstmorde, welche als Folge einer Bilanz des bisherigen Lebenslaufes und des abgeschnittenen Weges in die Zukunft erscheinen'.
Eine Eigenart dieser Selbstmorde ist, „daß sie dem Wesen nach die Handlung einer erhaltenen Persönlichkeit darstellen. Sie offenbaren uns den Schizophrenie-Kranken als leidenden Menschen und relativieren die so verbreiteten Urteile über diese Menschen als ,fremde, kalte unbegreifliche Personen'. So schwer auch die Psychose bei diesen Kranken ist, die Motivation der Selbstmordhandlung stammt immerhin aus Erlebnisformen, die dem gesunden Menschen eigen sind: Bilanz, nicht-psychotische Verzweiflung, Gewissensregungen, Leiden hei einem Dasein ohne Perspektiven. An dieser Situation haben die Psychopharmaka nichts positiv verändert: Die Erhöhung der Anzahl der Selbstmordversuche in der Ära der Psychopharmakologie ist von vielen Ärzten festgestellt worden" (38, S. 158).
Wenn wir bei ehemaligen Patienten psychiatrischer Anstalten mit der Behandlung in der Familie beginnen, sind Suizidgedanken unter der Wirkung der Psychopharmaka meist das erste reale Problem. Wenn wir dieses Problem lösen wollen, können wir nicht umhin, gegenüber der in der Bundesrepublik gelehrten und praktizierten Psychiatrie einen ,anti-psychiatrischen` Standpunkt einzunehmen. Seit KRAEPELIN im Jahr 1883 seine neue Systematik der Geisteskrankheiten publizierte und seit BLEULER 1911 die Bezeichnung ‚Schizophrenie' prägte, hat die unermüdliche medizinische Forschung ihre Hypothese, daß Schizophrenie und manisch-depressives Irresein‚endogen« Krankheiten seien, durch keinen ‚harten' Befund belegen können.
Soweit es in den Sozialwissenschaften möglich ist, harte Befunde aufzuweisen, sind die in unserer Übersicht referierten Untersuchungsergebnisse als ‚hart' zu interpretieren. Sie sprechen dafür, daß die Kommunikationstheorie ihre Hypothese beweisen kann.
Familientherapie in
Wir haben in unserem Bericht bisher die Entwicklung der Familientherapie in Deutschland mit keinem Wort erwähnt. Das liegt daran, daß wir bisher keinen publizierten Bericht aus Deutschland über Therapie von sogenannten Geisteskranken in Familien finden konnten. Die Bibliothek der psychiatrischen Klinik der Universität München hat weder die Zeitschrift ,Family Process' (A Multidisciplinary Journal of Family Study Research and Treatment) noch eines der Lehrbücher für Familientherapie, aus denen wir hier referiert haben. Das ist vermutlich kein Zufall, und unsere Erfahrungen sprechen dafür, daß sicheine hart geführte ideologische Auseinandersetzung abspielen muß, bevor die in Deutschland etablierte Psychiatrie bereit ist, die Entwicklung familientherapeutischer Methodik zur Kenntnis zu nehmen. In dieser Auseinandersetzung werden privat praktizierende Ärzte mit wirksamen Widerständen zu rechnen haben, wenn sie selbst beginnen, familientherapeutisch zu arbeiten. Da ist nicht nur das Problem mit den Krankenkassen, die nur KliniDamit ist heute fortgeführte institutionell-psychiatrische Behandlung von Personen, die ‚schizophren' genannt werden, die Praxis einer als Irrtum erwiesenen psychiatrischen Theorie. Die Behandlung von Menschen mit sogenannten endogenen Psychosen in geschlossenen Anstalten und außerhalb ihrer Familie ist – von der sehr kurzfristigen Verwahrung eines sehr erregten und verwirrten Menschen einmal abgesehen – eine Technik der psychischen und sozialen Vernichtung von Menschen.
der Bundesreupblik
ken für die Behandlung von Patienten vergüten, deren Diagnose in der Medizin ‚Schizophrenie' oder ,manisch-depressives Irresein' lauten würde. Der privat praktizierende Arzt hat nicht die Autorität, mit seinen die klinischen Urteile richtigstellenden Zeugnissen seinen Patienten für Behörden, die Schule und selbst die Bundeswehr zu rehabilitieren.
Die Etablierung einer Reihe von arbeitsfähigen familientherapeutischen Gruppen in den Vereinigten Staaten hat etwa 15 Jahre in Anspruch genommen. Wenn das öffentliche Bewußtsein, durch eine Reihe vorzüglicher Publikationen aufgeklärt, der deutschen Psychiatrie die familientherapeutische Behandlung von so genannten Geisteskranken abverlangt, dann könnte es bei uns etwas schneller gehen. Besonders wirksam wäre es, wenn gut informierte Medizinstudenten in ihren klinischen Vorlesungen eine didaktische Umkehr anstrebten. Die traditionelle Universitätsideologie erlaubt ihren Lehrern nicht, relevante wissenschaftliche Publikationen aus ihrem Fachbereich zu ignorieren (solange der Staat nicht wie früher nicht-wissenschaftliche Ideologien an der deutschen Universität durchsetzen kann). Dieser Bericht ist nicht gerade erfreulich für Familien, die mit eigenen Angehörigen akute Sorgen haben, und familientherapeutische Behandlung suchen. Wir kennen nur eine Institution in Deutschland, in der seit etwa einem Jahr familientherapeutisch gearbeitet wird. (Süd-westdeutschesRehabilitationskrankenhaus Karlsbad-Langensteinbach)
Wer keinen Familientherapeuten finden kann, dem kann man aber soviel sagen: Wenn es einer Familie gelingt, einzusehen, daß nicht einer ganz allein an allem schuld sein kann, was in einer Familienkrise passiert, dann findet sie vielleicht einen guten Nachbarn mit direktem, aufrichtigem Verhalten und wenig Angst, der helfen kann. Dieser helfende Mensch muß dabei durchaus kein Akademiker sein. Studierte Menschen zeichnen sich oft durch eine große ‚Verhaltensschwäche' aus.
Wenn sich die Situation nicht mehr steuern läßt und Furcht vor körperlichen Angriffen besteht, sollte man auch die Polizei rufen. Nach unseren Erfahrungen in München sind Funkstreifenbeamte in diesen Situationen freundlich, direkt und manchmal sogar geschickt darin, einen erregten Menschen zu beruhigen, wenn man sie darüber informiert, daß man keine Einlieferung wünscht, sondern nur ,die Wiederherstellung des häuslichen Friedens'. Besonders günstig ist es, wenn man ein beruhigendes Medikament im Hause hat (da kann man einen vernünftigen Arzt fragen) und die Polizei bittet, solange da zu bleiben, bis die aufgeregten Konfliktpartner alle eine ausreichende Dosis eingenommen haben. Wenn man mit diesen Mitteln nicht zurechtkommt, wird man die Einlieferung in eine psychiatrische Klinik nicht vermeiden können, es sei denn, die Polizei nimmt den Betreffenden in Gewahrsam, bis er beruhigt ist.
Bei einer eventuellen Einlieferung ist wichtig, daß ein persönliches Einverständnis vorliegt. Am nächsten oder übernächsten Tag holt man den Eingelieferten auf jeden Fall wieder ab (sagen die Ärzte was sie wollen), notfalls mit einem Rechtsanwalt, der mit dem ‚Patienten' alleine sprechen soll.
In der Zwischenzeit sucht man nach einer Vertrauensperson, die ein offenes, direktes Verhalten hat – und wenn möglich auch kommunikationstheoretische Literatur kennt.
Diese für den Leser wohl sehr überraschende Empfehlung, „der Psychiatrie den Patienten erst gar nicht zu' überlassen" vertritt SZASZ seit Jahren sehr deutlich. In seinem letzten Buch, „The Manufacture of Madness", beschreibt er die institutionelle Psychiatrie als Nachfolgeinstitution der Inquisition, mit ähnlichen Verhören und nicht unähnlichen Folgen für den Betroffenen.
Von der letzten Hexenverbrennung in Holland (1610), bis zur letzten Exekution von Häretikern in Spanien (1826) vergingen 216 Jahre. Hoffen wir, daß die Überwindung psychiatrischer Praktiken einer nicht begründbaren Hypothese von der inzwischen verbesserten internationalen Kommunikation ein wenig profitiert.
Anmerkung: Siehe auch den Beitrag dazu von Gerd Peters (Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München) vom September 1974, das Schlußwort des Autors vom Oktober 1974, sowie Hannes Kapuste: Familientherapie und Psychiatrie. psychologie heute, Juli 1976.
LITERATUR
1. BATESON G, JACKSON DD, HALEY J, WEAKLAND W: Auf dem Wege zu einer Schizophrenietheorie, in BATESON G, JACKSON DD, LAING RD, LIDZ Th, WYNNE LC et al.: Schizophrenie und Familie, Theorie Suhrkamp Verl, 1972, S 11-43.
2. BELL JE: Familiy Group Therapy, Publ Health Mon No 64, US Dept Health Education Welfare
3. BERGER DG et al.:Post-Hospital Evaluation of Psychiatric Patients: The Social Adjustment Inventory Method, A.P.A. Psychiatric Studies and Projects, 1964.
4. BLEULER E: Lehrbuch der Psychiatrie, Heidelberg 1969.
5. BOSZORMENYI-NAGY I, FRAMO JL: Intensive Family Therap: Theoretical and Practical Aspects, New York, Harper &Row, 1965.
6. BOWEN Murray: Die Familie als Bezugsrahmen für die Schizophrenieerforschung, in BATESON G et al. (1. S. 181 -220).
7. COOPER D: Psychiatrie und Antipsychiatrie, Suhrkamp 1972.
8. ESTERSON Aaron: a) The Leaves of Spring - A Study in the Dialectics of Madness, Tavistock Publications, London 1970.
b) Whither Psychiatry, Scotish International, May, June, July 1973. (Wohin geht die Psychiatrie? psychologie heute, September 1974)
9. a) FERBER A, MENDELSOHN M, NAPIER A: The Book of Family Therapy, Science House Standard Book 87668-051-1, 1972
b) FERBER A, BEELS C: What Famil Therapists Do, (in 9 a)
10. FORD D, URBAN H: Systems of Psychotherapy, New York, Wiley, 1963.
11. FOUDRAIN J: Literatur zur Ätiologie der Schizophrenie aus den Jahren 1956 - 1960, in BATESON G et al. unter 1. S.305-342.
12. FRAMO JL: Das Wesen der Symptome aus familien-transaktioneller Perspektive, in SAGER u. KAPLAN (25, S. 329-74).
13. FRIEDMAN AS, BOSZORMENYI-NAGY I et al. Psychotherapy for the Whole Family, Case Histories, Techniques and Concepts of Family Therapy of Schizophrenia in the Home and Clinic, New York, Springer, 1965.
14. GLICK ID, HALEY J: Family Therapy and Research, an annotated Bibliography, Grune & Stratton, New ork, 1971.
15. GOFFMAN E: a) Asylums: Essays of the Social Situation of Mental Patients and other Inmates, Garde City, N.Y, 1961 (inzwischen auch in deutsch).
b) Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity, Englewood Cliffs, N.Y. 19863.
16. HALEY Jay: a) Strategies of Psychotherapy, Grune & Stratton, New York, 1963 (inzwischen auch in deutsch).
b) Changing Families, Grune & Straton, New York 1971. 17. JACKSON DD: a) The Question of Family Homöostasis, Psychiatric Quarterly 31,79, Teil 1, 1957 Supplementum.
b) The Study of the Family, Fam.Proc. 4: 1 - 20, 1965.
c) The Marital quid pro quo, Arch Gen Psychiat 12: 589, 1965.
d) Kritik der Literatur über die Erblichkeit von Schizophrenie, in BATESON G et al. unter 1. Seite: 334 -413.
18. JUNGREIS J: (in fRIEDMAN et al. 1965, unter 13.
19. a) LAING RD, ESTERSON A: Sanity, Madness and the Family, Tavistock Publications, London 1964.
b) LAING RD: Phänomenologie der Erfahrung, Suhrkamp 1969
c) The Politics of the Family, London 1970.
d) Interpersonelle Wahrnehmung, Suhrkamp 1971.
e) Knoten, Rowohlt 1972.
f) Das geteilte Selbst, Suhrkamp 1972.
g) Mystifizierung, Konfusion und Konflikt, in BATESON G et al. unter 1. Seite: 274 -304.
20. LANGSLEY DG, KAPLAN DM et al. The Treatment of Families in Crisis, New York, Grune & Stratton, 1968.
b) LANGSLEY DG, PITTMAN FS et al. Family Crisis Therapy - Results and Implications, Fam Proc 7:2 145-158, Sept 1968.
21. LEDERER WJ, JACKSON DD: The Mirages of Marriage, Norton & Company inc., New York 1968 (inzwischen auch in deutsch).
22. PAUL N: Ethical Issues in Family Group Therapy, in HALEY 1971 unter 16b.
23. PITTMAN FS et.al. Therapy Techniques of the Family Treatment Unit, in HALEY 1971 unter 16b, Seite 259-71.
24. ROSENHAN David: On Being Sane in Insane Places, Science 1, Vol 179, 4070, S. 250-58, 1979.
25. SAGER CJ, KAPLAN HS: Handbuch der Ehe-, Familein- und Gruppen-Therapie, Kindler, 1973.
26. SCHAFFER L, RYKOFF IM, HALPERIN A: On the Nature and Sources of the Pschiatrist`s Experience with the Family of the Schiizophrenic, in HALEY, 1971, unter 16 b) S. 45 - 64.
27. SCHATZMAN Morton: a) Soul Murder, Allen Lane, London, 1973 = deutsch: b) Die Angst vor dem Vater, Rowohlt, Hamburg 1974.
28 SCHEFF TJ: a) Being Mentally Ill: a Sociological Theory, Aldine, Chicago 1966.
b) Mental Illness and Social Processes, New York, Harper & Row, 1967.
29. SEARLES HF: Das Bestreben, den anderen verrückt zu machen - Ein element in der Ätiologie und Psychotherapie der Schizophrenie, in BATESON G et al. unter 1. Seite: 128 - 167.
30. SONNE JC, SPECK Ross V, JUNGREIS JE: The Absent Member Maneuver as a Resistance in Family Therapy of Schizophrenia, Fam Proc 1,1 März 1962.
31 SPECK Ross V, ATTNEAVE Carolyn L: Social Network Intervention, in HALEY 1971 unter 16b Seite 321 - 332.
b) Family Networks, Pantheon Books, New York 1973 (inzwischen auch in deutsch).
32. SZASZ Thomas: The Myth of Mental Illness: Foundations of a Theory of Personal Conduct, New York, Hoeber-Harper, 1961 (inzwischen auch deutsch).
b) The Manufacture of Madness, Dell Publishing Co, New York, 1970 (inzwischen auch in deutsch).
33. THARP R: Toward a Theory for Therapeutic Intervention in Families, J Consult Psychol 30, 426-34, 1966.
34. WATZLAWICK P, BEAVIN JH, JACKSON DD: Menschliche Kommunikation, Hans Huber, Bern 1971.
35. WHITTAKER CARL, FELDER RE, WARKENTIN J: Acting out in Family Pschotherapy, in Acting Out, Theoretical and Clinical Aspects, Grune & Stratton, 1965.
b) WHITTAKER Carl, MILLER MH: A Reevaluation of "Psychiatric Help", when Divorce impends, in HALEY 1971, unter 16b Seite 247 - 258.
c) WHITTAKER Carl: in FERBER & BEELS, unter 9b, S. 184f.
36. WYNNE LC: Some Guidelines for Exploratory Conjoint Family Therapy, in HALEY 1971, unter 16b Seite 96 - 115.
b) WYNNE LD, DAY J, RYCKOFF IM: Die Verteidigung stereotyper Rollen in den Familien von Schizophrenen.in BATESON G et al. unter 1. Seite: 168 - 180.
c) WYNNE LD, RYCKOFF IM, DAY J, HIRSCH SJ: Pseudo-Gemeinschaft in den Familienbeziehungen von Schizophrenen,in BATESON G et al. unter 1. Seite: 44 - 80.
d) WYNNE LC: Familienuntersuchungen zur Pathogenese der Schizophrenie: Intermediäre Variablen bei der Untersuchung stark gefährdeter Familien, in SAGER & KAPLAN, (25 S. 761 - 786.)
e) Kommunikationsstörungen und die Suche nach sinnvollen Beziehungen in den Familien mit einem schizophrenen Mitglied, in SAGER & KAPLAN, unter 25. Seite 761 -786.
37. ZUK G: The Go-Between Process in Family Therapy, Fam Proc 5:2, Sept. 1966.
38. KIROW K, KAMENOW L: Ursachen und Motive des Selbstmords bei Schizophrenen, Nervenarzt 45, 158-63, 1974. mailto:hannes.kapuste@t-online.de
Copyright: psychologie heute & Dr. Hannes Kapuste
Intracerebral Die Morphinistenseite
|