 |
|
 |
 |
 |
 |
Persönlichkeit und Herkunft Heroinabhängiger
|
|
|
|
Nach oben
|
|
|
_________________________________________________________________________ PERSÖNLICHKEIT UND HERKUNFT VON HEROINSÜCHTIGEN ALS QUELLE THERAPEUTISCHER PRINZIPIEN Diese Arbeit erschien im "sozialmagazin, 5,11 ,Nov .1980,5.36-39" in etwas gekürzter Fassung.
von Johannes Kapuste
|
Nach oben
|
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
|
1 Einführung
2 Die Peichkeit der Abhängigen:
3 Der Auffang-Effekt der Opiate:
4 Die dominierende, permissive Mutter:
5 Der fehlende oder abseitsstehende Vater:
6 Das monovalente Bewusstsein:
7 Dyadische Gratifikation als Therapie:
8 Drogenfreiheit als gemessene Freiheit:
literaturangaben
|
Nach oben
|
1 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
|
Wenn ein Leiden, wie die Heroinsucht, schon ein halbes Jahrhundert überdauert hat, ohne dass eine verlässlich erfolgreiche Therapie gefunden worden ist, kann man kaum noch erwarten, dass ein einfacher oder naheliegender therapeutischer Grundsatz den Weg zur Heilung eröffnen wird. Wenn darüber hinaus wegen einer epidemieartigen Verbreitung, wie bei der Heroinsucht, schon die verschiedensten therapeutischen Grundsätze in großem Stil zur Verwirklichung kamen, ohne dass irgend ein überzeugender Erfolg zu sehen gewesen wäre, rückt die Möglichkeit näher und näher, dass hier ein Leiden zutage trat, das als Leiden zu akzeptieren ist, weil es keine Heilung gibt. Geht es dabei, wie bei der Heroinsucht, um ein Leiden mit der Gefahr der Ansteckung, dann tritt in der Ethik derer, die die Behandlung der Leidenden zu ihrer professionellen Aufgabe machen, ein prinzipieller Konflikt auf, an dem es zu moralischen Auseinandersetzungen zwischen etablierten Schulen kommen kann, je nachdem ob im Vordergrund der bewussten oder unbewussten Motive nun das Heil der bereits Erkrankten oder die Sicherheit derer liegt, die noch nicht von der Epidemie ergriffen wurden. Das ethische Maximum für die einen liegt dann möglicherweise da, wo für die anderen das ethische Minimum liegt, nämlich in der Isolation aller Leidenden an entfernten und abschirmbahren Therapiestätten, wie seinerzeit bei den Leprakranken, die zu ihrer Krankheit noch die soziale Ächtung ertragen mussten, obwohl sie nun wirklich keine Schuld an ihrer Erkrankung trugen. Schon der Kompromiss zwischen Therapie und Prophylaxe ist, wie jede kognitive Dissonanz, für den Menschen schwer zu ertragen, und schafft damit die Tendenz zur Verdrängung des einen oder anderen der beiden reellen Ziele. Das führt dann zu ideologischen Kämpfen von Gruppierungen der einen mit denen der anderen Schattierung, wie anderswo auch zwischen Tauben und Falken. Das erscheint hier noch schlimmer wenn man bedenkt, dass der Schritt in das Leiden an einer verbotenen Sucht fast immer auch die Überschreitung von Verboten bedeutet. So versündigt sich wer da nur Hilfe und nicht auch Strafe als therapeutische Maßnahme anbietet, in den Augen der einen so, wie der andere vice versa, der da nur Strafe und nicht auch Hilfe als prophylaktische Maßnahme sieht.
Will man in dieser Situation bereits formierter Schulen einen echten therapeutischen Ausweg suchen, muss man nicht nur die sachlichen Probleme der systematischen Analyse bisheriger Therapien bewältigen, sondern auch die Kunst der Beschwichtigung des einen oder anderen Lagers verstehen. Aber auch wenn man, was wohl selten ist, das eine und das andere vermag, wird man nur dann eine leichte Chance haben, einen Ausweg aus dem Dilemma zu eröffnen, wenn man in der systematischen Analyse auch systematische Fehler aufzeigen kann, ohne dabei auf Kräfte zu stoßen, die an diesen Fehlern bereits etablierte Interessen haben. Da ein so altes und weit verbreitetes Problem, wie eben die Heroinsucht aber immer auch schon Interessen geweckt und für längere Zeit genährt haben wird, kann man nicht mehr erwarten, dass eine denkbare Lösung der prophylaktisch-therapeutischen Aufgaben ohne Widerstände akzeptiert werden wird. Das aber birgt wieder die Gefahr in sich, dass derjenige, der eine echte Lösung für ein ungelöstes Problem zu finden meint, sich wieder gegen den verhärten kann, der gegen seine Lösung berechtigte Einwände bringt, oder ihrer praktischen Erprobung gar strategischen Widerstand entgegensetzt. Dem aber hat unser Rechtssystem eine zumindest theoretische Grenze gesetzt, nämlich Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes zur Freiheit der Wissenschaft und Forschung (1), der die Wege der Suche da offen hält, wo - wie bei der Heroinsucht - der Ausweg noch nicht gefunden ist.
Kein Zweifel kann daran bestehen, dass Heroin eines der stärksten Suchtmittel ist. Die euphorisierende Wirkung wird bei längerfristiger Anwendung nur durch immer weiter gesteigerte Dosen erreicht, die schließlich ein Vielfaches der ursprünglich verwendeten erreichen. Mir der Gewöhnung tritt auch die körperliche Abhängigkeit auf, gekennzeichnet durch das Auftreten von höchst unangenehmen Entzugssymptomen, wenn die Zufuhr von Heroin oder anderen Opiaten unterbrochen wird. Dazu kommt beim Heroin - im Gegensatz zu anderen Opioiden - die sehr hohe Anflutungsgeschwindigkeit bei intravenöser Injektion, die ein ganz besonders heftiges Glücksgefühl, den so genannten "kick" erzeugt. Die Kombination von Entzugssymptomen bei Unterbrechung der Zufuhr und Glücksgefühl bei Injektion von Heroin erzeugen miteinander einen Grad von Süchtigkeit, der durch kaum eine andere Droge in dieser Form zu erreichen ist. Dieses hohe Suchtpotential des Heroins liefert daher auch die starken Motive für das prophylaktische Anliegen der Vermeidung der Entstehung der Süchtigkeit und, nach entstandener Sucht, für die im Vordergrund stehenden Bemühungen in den meisten therapeutischen Programmen, dem Süchtigen dos Heroin erst einmal zu entziehen. Das nahezu völlige Scheitern dieses primär vernünftigen Vorgehens, das Entstehen von Heroinepidemien da. wo die staatliche Kontrolle überzogen wurde (2), deren Ausbleiben in Großbritannien, wo die Ärzte immer Opiate an Süchtige verschreiben durften (3), und zuletzt das Versagen der Bemühungen in der Bundesrepublik, die Verbreitung der Heroinsucht durch scharfe Kontrollen anzuhalten bilden erst die Grundlage komplexerer Überlegungen, die andere Faktoren einbeziehen.
|
Nach oben
|
2 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
|
Dass im Heroin kein allein entscheidender Faktor liegt, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass nicht alle, die Heroin benutzen letzten Endes süchtig werden - eine Studie berichtet, dass obwohl 40% der Stichprobe Heroin benutzt hatten, schienen nur 10% jemals süchtig gewesen zu sein - und dass von denen, die unter besonderen Bedingungen süchtig werden, nur ein kleiner Anteil süchtig bleibt, wenn die Bedingungen sich ändern - von 348 Heroinsüchtigen in Vietnam fuhren nur 9% fort, Narkotika zu benutzen nach ihrer Rückkehr in die USA.(4) So entsteht die Frage nach den Eigenschaften derer, die nach dem Probieren des Heroin davon körperlich abhängig werden und einmal körperlich abhängig auch weiterhin süchtig bleiben.
Nach einer schon klassischen Arbeit von CHEIN et al. (5), die 1966 bei Süchtigen "ein schwaches Ich und Überich, ungenügende männliche Identifikation, fehlende Mittelschichtorientierung und Misstrauen in wichtige Institutionen" fanden, haben 1977 R. und S. ALMON einen Literaturbericht über die Ursachen der Heroinsucht publiziert, in der sie sich u.a. mit der Persönlichkeit und der Herkunftsfamilie von Süchtigen befassen (6). Die Ergebnisse dieser Arbeit, die an die 40 Publikationen zu diesem Punkt referiert, soll im Folgenden kurz zusammengefasst werden.
Das größte Gewicht mit 10 Erwähnungen hat die bei Süchtigen gefundene "orale Regressivität in der Persönlichkeitsstruktur, beschrieben als "unbewusste Wünsche, in die Kindheit zurückzukehren"," fixiert an die orale Phase psychosexueller Entwicklung", oder einfach als “infantil”. Es folgt mit 9 Erwähnungen die “ungewöhnliche Abhängigkeit von der Herkunftsfamilie”, bzw. auf der anderen Ebene "die Unfähigkeit, eine Ehebeziehung aufrecht zu erhalten”. Nimmt man die spezifisch (4-mal) erwähnte "überhöhte Abhängigkeit von der Mutter” dazu, dann hat man einen massiven Faktor, der wohl auch "fehlende männliche Identifikation" heißen könnte, wie schon bei CHEIN in Bezug auf seine 1844 männlichen Süchtigen. Auch die "fehlende Mittelschichtorientierung“ von CHEIN findet in den neueren Arbeiten durch 8 Erwähnungen, die dieser Kategorie zuzuordnen wären, ihre Bestätigung. Nimmt man die weiteren Beschreibungen "fehlende emotionale Stabilität” (2mal), "Passivität" (2mal), "zurückgezogen”, “zerbrechlich, unsicher", "schwer gestörte Individuen" und "Schwierigkeiten, mit Angst fertig zu werden”, als die Zeichen fehlender Ichstärke, dann hat man in den jüngeren Untersuchungen eine fast vollständige Bestätigung der Ergebnisse der Untersuchung von CHEIN et al., die viele Jahre früher angestellt worden ist. Somit scheint die Heroinsucht ein besonderes Problem für Jugendliche eines Typs zu sein, die eigentlich nicht geeignet scheinen so starke Gegenkräfte zu binden wie wir heute gegen sie aufbieten. Wie viele Polizisten und Therapeuten brauchte man wohl, um mehr als 50tausend Kinder aufzuhalten, die nur heim zu Ihrer Mutter wollen? In anderen Bereichen der Psychotherapie gilt das Bedürfnis eines Patienten, in die Kindheit zu regredieren, als außerordentlich heilender Faktor. Wie kann man diesem Bedürfnis bei Süchtigen entgegenkommen?
|
Nach oben
|
3 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
|
Bei R. und S. SALMON wird der Effekt der Opiate bei Süchtigen auf folgende Weise beschrieben: "Der narkotisierende Effekt der Droge gibt das Gefühl der “Wärme und Tröstung, ähnlich dem des Eingemummeltwerdens zum Schlafen durch die Mutter." (Rado 1933) “...und die Sucht ist sein Versuch der Rückkehr zum Vergnügen des Kindseins." (Erikson 1963) "Süchtigkeit als ein Mittel, Depressionen abzuwehren". (Rasor 1958) “... die Droge hilft ihm in eine "glückliche" Kindheit zu regredieren, die niemals wirklich glücklich war.” (Frazier 1962) Das klingt alles anders als die in der öffentlichen Meinung hervorgerufenen Vorstellungen vom Effekt dieser Rauschdrogen.
Die zitierten Beschreibungen entsprechen der Wahrheit. Unter der Wirkung der Opioiden und auch des Heroins wird kein Süchtiger besonders aufgedreht, etwa lüstern, sexuell, oder sonst wie kriminell. Er wird müde, still und friedlich. Wer das nicht glauben will, der denke an eine chirurgische Station, wo Opiate auch wegen ihrer psychischen Wirkung, nicht nur für Schmerzen, gegeben werden. Hier sparen die Opiate Narkosemittel ein eben weil die regressiven Wirkungen für den vor der Operation aufs höchste gespannten Patienten so etwas wie ein zu Hause herstellen, in dem mehr Vertrauen ist. Wohin käme der Frieden, der noch auf chirurgischen Stationen herrscht, wenn man da die Opiate verbieten würde? Er wäre nicht mehr herzustellen.
Aus diesen Überlegungen erscheint der primär drogenfreie Zugang zum Heroinsüchtigen ein zumindest schwieriges Verfahren. Man begibt sich des bei weitem besten Mittels, den Patienten und auch sein Vertrauen erst einmal für sich zu gewinnen. Das gilt in noch größerem Umfang für die Süchtigen aus epidemiologischer Sicht. Ohne das Angebot eines zumindest weichen Entzuges kann man gar nicht erwarten, mehr als den kleineren Anteil der Süchtigen auf freiwilliger Basis zu erreichen. Das bedeutet aber unter den hei uns im Westen gegebenen Umständen das bekannte Anwachsen der Zahl der Süchtigen im Lande. Ohne Süchtige, die Angst vor dem kalten Entzug haben, ist der Heroinhandel in der bei uns florierenden Form nicht lange zu halten (7).
|
Nach oben
|
4 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
|
Schon bei CHEIN findet sich der Hinweis, dass die Herkunftsfamilie der Süchtigen, in besonderem Maße die Eigenschaften zeigt, die der Entwicklung der Persönlichkeitsstrukturen und Einstellungen förderlich sind, die man bei diesen Jugendlichen findet. Die häufigste Erwähnung bei R. und S. SALMON findet die permissive aber dominierende Mutter. Sie wird als “verzeihend und verführerisch”, "durchsetzungsschwach" beschrieben, "erlaubt den Kindern, sie auszunützen", “erhebt keine Ansprüche" und ist von "erhöhter Permissivität". Die "vagen und unbeständigen elterlichen Standards" werden erwähnt, wie schon “die fehlende Klarheit in erzieherischen Prinzipien" bei CHEIN et al. Dennoch erscheint sie als "die dominante Person", "überdominierend", "übermächtig”, "kontrollierend, streng”, "ist der Boss" in der Familie. Die Mutter wird von vielen als "überprotektiv" beschrieben, die die Kinder "infantil macht". Sie ist "unfähig, sich von den Kindern zu trennen", "möchte aus der engen Beziehung zum Süchtigen nicht heraus", muss "die psychische Krankheit des Kindes um ihres eigenen psychischen Oberlebens willen erhalten", so dass "Mutter und Kind aneinander kleben, ohne dass einer dabei sich erhalten kann".
Dabei wird sie immer wieder als ambivalent beschrieben. Sie “schwankt zwischen Besitzergreifung und offener Zurückweisung", ist "wechselhaft", "abwechselnd verführerisch und entmannend" oder "stimuliert aggressive und sexuelle Impulse, um sie dann zu verleugnen”, "stimuliert abweichendes Verhalten, um es dann streng zu tadeln." Unreif", "unglücklicht "schuldgepeinigt", besonders "unglücklich in ihrer Ehe" "fühlt sie sich benachteiligt im Sozialsystem" und "wendet das Kind dagegen". Immer wieder kommen die Autoren zu dem Ergebnis: "Der wesentliche Faktor, der zur Sucht führt, liegt in der Mutter-Kind-Beziehung", die “mütterliche Dominanz ist der wichtigste Faktor", oder "die Sucht ist ein Konflikt, der in der Mutterbeziehung zentriert ist."
Angesichts so starker Beziehungsgrößen zwischen dem Süchtigen und seiner Mutter stellt sich kaum noch die Frage, ob es sinnvoll ist, den Süchtigen von der Mutter zu trennen. Sinnvoll oder nicht erscheint es aufs erste so schwierig, dass man die Versuche besser unterlässt. Nicht nur reagieren Mütter, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, auf den häufig zu hörenden Rat unserer Drogenberatungsstellen "das Kind abzuschreiben" oder sogar als "Friedhofskind" (8) zu betrachten, empört und unkooperativ, und machen in bereits beschriebener permissiver Manier beim ersten gegebenen Anlass die kategorisch-therapeutischen Bemühungen zunichte, sondern sind, sofern man sie positiv sieht, die bei weitem zuverlässigsten, kritischsten und best motivierten Helfer des Therapeuten, sofern die Beziehung überhaupt noch besteht. Viel erfolgversprechender als Versuche, die Süchtigen unter allen Umständen von ihren Müttern zu trennen, ist daher die offene, konkret mit beiden verabredete Kooperation der Therapierenden mit dem Süchtigen und seiner Mutter . Bei dieser Zusammenarbeit erweisen sich Mütter, wenn sie ausreichend ist, nach meinen Erfahrungen bei der schrittweise, systematischen Detoxifikation mittels Methadon, eher als lernfähig denn als hinderlich. Probleme treten allenfalls auf, wenn der ausgeübte Druck auf den Patienten im Sinne der Entziehung sehr groß wird und über den Süchtigen dann die Permissivität der Mutter auslöst. Als Kontrolle im Sinne eines Ventils verstanden ist das aber wieder hilfreich und nicht zu verdammen.
Wo aus irgendwelchen Gründen die Mutter als Partner der Therapeuten nicht in Frage kommt, sollte auch überlegt werden, ob man sie nicht durch eine Therapeutin bewusst ersetzen kann. Auch wenn die Bindung des Süchtigen an eine Mutterfigur als pathologisch verstanden wird, ist die Reifung bzw. Loslösung des Süchtigen besser aus einer solchen Bindung zu erreichen, als ohne sie.
|
Nach oben
|
5 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
|
Sehr viel spricht dafür, dass das größte Gewicht bei den beschriebenen, den Jugendlichen für die Heroinsucht anfällig machenden Eigenschaften der Mutter nicht in deren Unreife, sondern in deren Verlassensein ruht. 13mal wird die "Unfähigkeit der Eltern, eine Ehebeziehung aufrechtzuerhalten", das "Unglück in der Ehe” der Eltern, die "zerbrochene Ehe”, das "zerbrochene Heim", "die abwesenden Väter" oder die “fehlende Familiensolidarität" bei R. und S. SALMON erwähnt. Wo der Vater nicht fehlt wird er als "unzureichend”, "schattenhaft”, "schwach", "uninteressiert oder ablehnend", bzw. "passiv und indifferent”, oder "strafend und streng" beschrieben, bzw. die "schlechte Beziehung zum Vater”, seine "minimale Rolle" oder das "Fehlen starker Vaterbeziehungen” erwähnt (11mal). Immer wieder taucht die "Hostilität", die "offene Feindschaft in der Familie”, die "gestörte Beziehung zwischen Eltern und Kind", "Konflikte zwischen Eltern und Jugend" auf oder die "schlechte Konditionierung für Familienleben". Manchmal werden Geisteskrankheiten erwähnt und häufiger die Trunksucht, die als Faktor für gestörte Beziehungen in der Familie sicher nicht ohne Bedeutung sind. Von McCord (1965) wird eine quantitative Angabe referiert: “97 % der jugendlichen Süchtigen kommen aus Familien, die durch Scheidung, Verlassensein oder offene Feindschaft zwischen den Mitgliedern betroffen sind."
Diese quantitativen Angaben decken sich mit Beobachtungen bei Süchtigen, die in den Jahren 1977 und 1978 zur Entziehung mit Hilfe von Methadon in eine psychotherapeutische ärztliche Praxis kamen (7). Mehr als die Hälfte dieser Süchtigen waren ohne Vater aufgewachsen. Bei denen, die noch beide Eltern hatten, fand sich in zwei drittel der Fälle eine Koalition zwischen dem süchtigen Kind und der Mutter, die den Einfluss des Vaters praktisch ausschaltete. Bei dem verbleibenden Rest zeigten sich andere, die Beziehungen des Süchtigen zu den Eltern schwer beeinträchtigende Faktoren oder aber eine therapeutisch leicht zu beeinflussende Abhängigkeit von Heroin. Auch das stimmt überein mit Befunden in der Literatur: BESS et al. "die 17 Süchtige studierten, die den Drogengebrauch mit Erfolg eingestellt hatten, fanden, dass die meisten in intakten Familien aufgewachsen waren;" (nach 6).
|
Nach oben
|
6 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
|
Während R. und S. SALMON in ihrer Zusammenfassung zu dem Ergebnis kamen, dass die “multiple Verursachung” der Heroinsüchtigkeit “als Realität akzeptiert werden muss", kann man aufgrund einer kommunikationstheoretisch orientierten Beobachtung (9) der Interaktion des Arztes mit dem Süchtigen zu einer monokausalen Erklärung dafür kommen, dass in dem Prozess, der zwischen dem Punkt des ersten Probierens und der entwickelten Süchtigkeit eines Jugendlichen liegt, nur ein kleinerer Teil der Probierer in die Sucht hinein selektiert wird. Diese selektierende Eigenschaft, ihre Beobachtung, ihre Wirkungen und ihre Entstehung wird an anderer Stelle ausführlicher dargestellt und "monovalentes Bewusstsein" genannt (7). Das monovalente Bewusstsein wird als "das steuernde Element bei der Entstehung, Erhaltung und Wiederentstehung der körperlichen Abhängigkeit von Opiaten" beschrieben, und ist "bei den Süchtigen eine spezifische Unfähigkeit des Gegenwartsbewusstseins, in besonderen, wunschbetonten Situationen außer dem wunschpositiven Aspekt einen zweiten, wunschnegativen Aspekt zu verarbeiten."
Wesentlich ist für die therapeutische Interaktion mit einem Süchtigen, dass "die vor-bewusste Abschirmung aller wunschkritischen Aspekte, dem Träger eines monovalenten Bewusstseins eine taktische Überlegenheit gegenüber dem Träger eines normalen, bivalenten Bewusstseins in der unmittelbaren Kommunikation" gibt. Vermutlich ist es gerade diese scheinbare Stärke der Süchtigen, die sich vor allem bei den vor Gericht getragenen Beschaffungsdelikten bemerkbar macht, die seine eigentliche Schwäche und Kindlichkeit maskiert und daher seine Persönlichkeit therapeutisch so unzugänglich macht.
Im Übrigen widersprechen die Befunde in der zitierten Arbeit von R. und S. SALMON der Monovalenztheorie viel weniger, als dass sie sie bestätigen. Das Entstehen des monovalenten Bewusstseins wird erklärt aus dem Fehlen des "dyadischen" Einflusses der Eltern bei der Erziehung des Süchtigen. Wenn nicht in vielen, die Entwicklung des Kindes in den wesentlichen Phasen begleitenden Situationen, zwei gleichwertige Bezugspersonen gleichzeitig anwesend sind, von denen das Kind in einer Konfliktsituation jeweils unabhängig eine Gratifikation erwarten kann, dann entwickelt das Bewusstsein keine Grundstrukturen
in denen sich eine konfliktträchtige Erkenntnis kognitiv verankern kann. Das Fehlen eines funktionierenden Elternpaares aber fasst gerade die bei R. und S. SALMON referierten Befunde zusammen. Eine gewisse Korrektur liegt in der Entlastung der Mutter als eigentlicher Ursachenfaktor, der in mehreren Arbeiten zum Ausdruck kommt. Diese Korrektur ist aber auch deshalb hinzunehmen, weil viele Süchtige ganz ohne Eltern aufgewachsen sind; die Person der Mutter kann also nicht die alleinige Ursache bilden.
|
Nach oben
|
7 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
|
Akzeptiert man die von den meisten Autoren referierten oralen, regressiven Bedürfnisse in der Persönlichkeitsstruktur der Heroinsüchtigen als erwiesene Tatsache und die erwiesenen medizinischen Eigenschaften der Opiate als einen diesen regressiven Bedürfnissen entgegenkommenden Effekt, dann kann man die gratifizierende Anwendung von Opiaten zu Beginn einer Behandlung als therapeutisch sinnvoll akzeptieren. Die Befriedigung regressiver Bedürfnisse ist keine ewige Therapiemaßnahme, sondern führt zu einer echten Reife der Person aus einem kindhaften Verhalten heraus. Gelingt diese Therapie an der psychischen Person, kann man die Überwindung der körperlichen Abhängigkeit von Opioiden mit größerer Erfolgswahrscheinlichkeit anschließen.
Von besonderer therapeutischer Bedeutung
dürfte dabei die konstante Verwendung einer therapeutischen Dyade - Arzt und Mutter, Arzt und Psychologin, Therapeut und Co-therapeutin usw. - und der kontinuierliche Aufbau bivalenter Bewusstseinsstrukturen beim Süchtigen sein. Dafür ist wichtig, dass die beiden Bezugspersonen nicht nur komplementär, also gegenseitig unterstützend arbeiten, sondern auch ihre Rollen tauschen, damit nicht immer der eine die Gratifikation gewährt. Jeder muss aber unabhängig vom anderen vom Süchtigen aus erreichbar sein. Zu der Gratifikation durch Opiate müssen im Verlauf der Zeit andere, zielbezogene Gratifikationen kommen, mit deren Hilfe dann die Gratifikation durch Drogen systematisch sublimiert werden kann.
Der praktische Vorteil einer solchen, von der Monovalenztheorie als kausal zu verstehenden dyadischen Gratifikation durch zwei kooperierende Bezugspersonen dürfte darin liegen, dass auf diese Weise die bisher selten integrierte Arbeit von Arzt und Therapeut optimal kombiniert werden kann. Der zeitlich beschränkte, aber für Verschreibung von Medikamenten allein qualifizierte Arzt kann leicht die väterliche Rolle übernehmen, wenn eine sozialpsychologisch geschulte Bezugsperson dem Süchtigen zur Seite steht, die zeitlich weniger beschränkt, den wesentlichen Teil der erzieherischen Arbeit übernimmt. Ein für diese Zusammenarbeit bereiter Hausarzt lässt sich überall Finden, wo sich eine geeignete Therapie auf ambulanter oder auf Wohngemeinschafts-Basis einrichten lässt.
|
Nach oben
|
8 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
|
Einer der von LEC formulierten Gedanken lautet: "Die Freiheit eines Sklaven misst man an der Länge seiner Kette."(10) Nimmt man die Abhängigkeit eines Süchtigen von Opiaten als Kette, dann ist dies eine messbare Größe, nach der es viele Grade von körperlicher Abhängigkeit und damit auch viele Grade therapeutischen Erfolges gibt. Es gibt wenig Süchtige, die sich nicht für Erfolge auf dieser Skala motivieren lassen.
Aus eigener Erfahrung bei etwa 150 Patienten und 413 begonnenen Methadon-Entziehungen kenne ich viele Formen graduellen Erfolges von der abgebrochenen Entziehung nach Reduktion des Opiatbedarfs (121 Fälle) über den beendeten Entzug (292 Fülle) bis hin zur bleibenden Drogenfreiheit (11). Wie in anderen pädagogischen Bereichen auch geht es bei der Arbeit mit Süchtigen um graduellen Fort- schritt mit Geduld und kontinuierlicher Rückmeldung über Erfolge. Auch in der Literatur werden Erfolge in Bezug auf Heroin nicht auf einen Schlag erreicht und meist nur mithilfe von Opiaten (12,13,14). Dramatische und rasche Erfolge sind nur berichtet worden mithilfe einer anderen Droge, die einen raschen Persönlichkeitswandel über eine Bewusstseinsveränderung möglich macht (15,16,17). Auch in der Bundesrepublik hat sich nach langen Kämpfen die Möglichkeit zur Behandlung der Süchtigen mit Methadon juristisch durchgesetzt, sofern ausreichende Kontrollen der Einnahme gesichert werden (18). Da- bei soll hier nicht der hochdosierten sogenannten “narkotischen Blockade” mit Methadon das Wort geredet werden, wenn sie nicht mir einer im psychologischen Sinne kausalen Therapie verbunden ist (19).
Im Rückblick scheint also eine Erklärung für das Versagen der therapeutischen Bemühungen durch Analyse der Arbeiten möglich, die sich mit der Persönlichkeit und Herkunft der jugendlichen Süchtigen befassen, die eine neue Perspektive für therapeutische Versuche gibt. Wie die Erfahrungen von nun bald hundert Jahren zeigen ist der Erfolg auf diesem Gebiet den Strafenden und den naiven Therapeuten versagt geblieben. Dagegen ist die Hoffnung nicht verwegen, dass der differenzierte, belesene, kreativ und motiviert nach einem Ausweg suchende Therapeut diesen Ausweg auch noch finden kann.
Für die Schuld der Väter aber hat die Strafe am Süchtigen keinen ethischen Wert.
|
Nach oben
|
L I T E R A T U R A N G A B E N
|
1) MONTAG, Jerzy:
Verfassungsbeschwerde vom 8.8.1980.
2) The New York Academy of Medicine 1963 (12).
3) BEWLEY,Th. 1977 (12).
4) GOSSOP, M. 1978 (12).
5) CHEIN, I. 1966 (6).
6) SAL MON, R. U. S. 1977 (12).
7) KAPUSTE, H. 1978 (12).
8) Patientenmutter vor Gericht.
9) LAING, R.D. "Phänomenologie der Erfahrung Suhrkamp 1969.
10) LEC, St. J. Neue Unfrisierte Gedanken, Hanser Verl.
11) KAPUSTE, H. "Abbildungen zur Methadonbehandl ung" Hufnagelstr. 1,80686 München
12) KAPUSTE, H. “Literatur zur Methadonbehandlung", Institut . Ausbildungsforschung, Hufnagelstr. 1, 80686 München
13) LEHMANN H. 1978 (12).
14) VAN GINNKEN: t. alc. drugs 1979 (5)nr.4.
15) LEVINE, J. et al .1965 (12).
16) SAVAGE, C. et al. Arch. Gen. Psychiat. 1973, 808-14.
17) HAUSNER, M. et al. “The Highway to Mental Health" AFC Books/Pax Publications 19435 Pacific Coast Highway, Malibu Cal. 90265, USA.
18) Bundesgerichtshof, Urteil vom 8.5.1979, in NJW 1979, 1943.
19) PREBLE, E. er al. SAGE Ann. Rev. Drug Alcohol Abuse, 1977, 229-248.
|
Nach oben
|
|