 |
|
 |
 |
 |
 |
Walters Pein
|
|
|
|
Nach oben
|
|
|
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Walters Pein.
Schon als Kind, war Walter etwas anders als andere Kinder. Walter war stiller, mehr zurückgezogen, er lebte sich nicht so sehr im Spiel aus wie andere Kinder. Später dann, in der Schule, galt Walter bei seinen Lehrern als stiller, aufmerksamer Schüler. Bei seinen Mitschülern allerdings, galt er eher ein wenig als Sonderling. Als ein Sonderling, der sich nie an Dingen beteiligte und erfreute, an denen andere Schüler sich beteiligten und ihre Freude hatten. Gingen zum Beispiel Walters Mitschüler des Abends aus, etwa zum Tanzen, zog er es vor, lieber die halbe Nacht alleine zu verbringen, irgendwo im Wald oder auf freiem Feld unter den Sternen. Seine schulischen Leistungen lagen im Durchschnitt. Er bekam weder schlechte Zeugnisse ausgestellt, noch besonders gute. Hatte man Gelegenheit, Walter längere Zeit in den Einzelheiten seines Tagesablaufes zu beobachten, kam man unweigerlich zu dem Schluss, er lebe unter einer depressiven Grundstimmung…-
Später dann, im Berufsleben, Walter war Rundfunkmechaniker geworden, verhielt es sich nicht anders als in der Schule. Walter lebte zurückgezogen. Er war bei seinen Kollegen weder sonderlich beliebt, noch sonderlich unbeliebt. Manchmal empfanden seine Kollegeninnen und Kollegen, anstatt Sympathie, eher Mitleid mit ihm, die sich in einer übertriebenen Rücksichtnahme äußern konnte. Im Alter von 24 Jahren, hatte Walter einen Unfall. Er war von der Arbeit gekommen und wie in einem Traume wandelnd, direkt vor ein fahrendes Auto gelaufen…-
Durch die Wucht des Aufpralles, war er einige Meter durch die Luft geschleudert worden und zwischen einige Sträucher gefallen. Von diesem Unfall hatte Walter einen Schaden an der Wirbelsäule erlitten, der sich nicht mit einem operativen Eingriff wieder beseitigen ließ. Durch diesen Schaden an seiner Wirbelsäule, litt Walter fortan an ständigen Schmerzen. Bald konnte er nicht mehr arbeiten. Am Ende konnte er kaum mehr essen oder schlafen, so sehr peinigte ihn der Schmerz. In diesem Zustande nahm ihn schließlich ein Doktor Reders in Behandlung.
Doktor Reders erkannte, dass in Walters Falle alleine eine palliative Behandlung in Frage käme. Deshalb verordnete er Walter Morphinsulfat, ein opioides Schmerzmittel. Schon in den ersten Wochen, war die Wirkung dieses Morphins dramatisch. Walter nahm die Pfunde, die er durch ein Leben mit Schmerzen verloren hatte, rasant wieder zu. Er aß wieder besser und schlief endlich wieder zufriedenstellend. Unter dem Einfluss des Morphins blieb von Walters Schmerzen, nur noch ein leichtes, nicht unangenehmes Prickeln an der Stelle der Wirbelsäule, an der noch kurz zuvor der Schmerz gewütet hatte.
Walter ging wieder zur Arbeit. Dort schien er seinen Arbeitskollegen wie verwandelt. Walter schien während der Zeit seiner Abwesenheit irgendwie anders geworden zu sein. Er war nun viel engagierter als zuvor. Auch war er zugänglicher geworden. Er sprach mehr und lächelte mehr. Er schien entspannter, einfach gesünder, als früher. Auch Walter selbst, war seine Veränderung nicht verborgen geblieben. Er bemerkte sehr wohl, welch segenreichen Einfluss sein Medikament, nicht nur hinsichtlich seiner Schmerzen, sondern auch auf sein ganzes Leben hatte. Walter wurde zum Werksleiter befördert…-
Auch Sekretärin Maria aus der Personalabteilung, bemerkte Walters Verwandlung und es dauerte nicht lange, da bemerkte Walter auch die Sekretärin Maria. Zwei Jahre später, waren die Beiden verheiratet und hatten ihren ersten Sohn, den sie Walter nannten…-
Als zu dieser Zeit, Walter wieder einmal zu Doktor Reders kam, um sein obligatorisches Betäubungsmittelrezept abzuholen, hatte Doktor Reders, wie er meinte „Gute Neuigkeiten“ für ihn. In den Vereinigten Staaten war eine Technik entwickelt worden, bei der ein unter die Haut gesetzter Impulsgeber, elektrische Energie an gewissen Stellen der Wirbelsäule gab, wodurch bei Patienten wie Walter, Schmerzfreiheit erwirkt werden konnte. Erfreut teilte Doktor Reders Walter mit, dass diese Technik bereits in der nahegelegenen Universitätsklinik zur Anwendung kam. Sechs Wochen später hatte Walter ein solches Gerät unter der Haut. Danach gingen die Ärzte der Universitätsklinik daran, Walter vom Morphinsulfat zu entwöhnen. Sie forderten Walter auf, einem bestimmten Plan der Dosisreduktion zu folgen. Während der nächsten drei Wochen, reduzierte Walter die Dosis seines Morphins bis er am Ende keines mehr einnahm…-
Nach drei Tagen extremer Unruhe und drei Nächten der Schlaflosigkeit, war Walter gänzlich des Morphins entwöhnt. Walter staunte nicht schlecht, als er bemerkte, der Apparat unter seiner Haut bewirkte in etwa dieselbe Schmerzbetäubung und dasselbe prickelnde Gefühl, wie zuvor sein Medikament. Aber auch Walters Arbeitskollegen staunten nicht schlecht, doch eher unter sich und hinter Walters Rücken. „Was war nur mit Walter geschehen?“, wunderten sie sich. „Er schien plötzlich so in sich gekehrt, so unkonzentriert und gehemmt in seinen Entschlüssen und Handlungen“. Die Wandlung Walters, blieb auch seiner Frau Maria nicht verborgen. Walter Junior dagegen, war noch zu jung, um seines Vaters Veränderung zu bemerken. Maria schien, als wäre sie plötzlich mit einem Fremden verheiratet. So, hatte sie Walter noch nie gekannt. Nicht nur war er stiller geworden und in sich gekehrt, er schien auch irgendwie depressiv geworden zu sein. Es dauerte einige Wochen bis Walter sich erinnerte, wie er früher gewesen war und erkannte, dass er wieder so geworden war wie er damals gewesen ist. Und damit war Walter unzufrieden. Er fand, dass er in diesem Zustand nicht er selbst sei, fand, dass er in diesem Zustand gewaltig an Lebensqualität einbüßte. Es dauerte nicht lange, bis Walter begriff, der Segen, der nun wieder von ihm genommen, war von seinem damaligen Schmerzmittel ausgegangen. Nun, da er dieses Mittel abgesetzt hatte, war er wieder zurückgefallen in einen Zustand, in einen Charakter, der ihm verhasst war. Walter hatte erfahren, dass es Möglichkeiten gab, zu einer besseren, gesünderen Konstellation seiner inneren Kräfte zu gelangen. Deshalb machte Walter sich eines Tages auf die Suche nach Mitteln und Methoden, um diesen vergangenen Zustand der Gesundheit wieder zu erlangen. Er wollte wieder der Walter sein, der ihm mit dem Absetzen seines Medikamentes entglitten war.
Walter begab sich in Psychotherapie. Diese Therapie kostete sehr viel Geld. Zwei Jahre hielt Walter sie finanziell durch. Schließlich war seine Geduld und fast auch sein ganzes Erspartes zuende und er musste sich eingestehen, dass mit dieser Therapie, außer einer nahenden Armut, nichts zu erreichen war. Walter war zwar weder Arzt noch sonst ein Physiologe, doch reichte seine Intelligenz um einzusehen, sein Problem hatte keine psychischen Ursachen. Es war weit eher von physiologischer Art, äußerte sich aber in psychischem Unwohlsein…-
Es stand nicht gut bestellt, mit der Wirtschaft im Lande. Immer mehr Unternehmen sahen sich gezwungen, Entlassungen vorzunehmen. Dass dabei auch Walter entlassen wurde, wunderte ihn selbst nicht sehr. Er hatte lange schon bemerkt, wie seine Leistungen unter seinem Zustand litten und auch der Kontakt zu seinen Kolleginnen und Kollegen wieder nachließ. Dummerweise kam Walters Entlassung gerade zu einem Zeitpunkt, da der neue Wagen und die Wohnungseinrichtung noch bezahlt werden mussten, beides von Walter und Maria erst ein Jahr zuvor auf Kredit gekauft. Mit nur wenig Optimismus, ging Walter zu einigen Vorstellungsgesprächen. Doch schon während dieser Gespräche, bemerkte Walter die ablehnende Haltung seiner Gegenüber. Walter fehlte es am Funken der Wärme und gegenseitigem Verständnis, wie es nötig war, um menschliche Kontakte einzugehen.
Als Walter sich eines Tages erkältet hatte und daraus ein quälender Husten entstand, suchte er im Medikamentenkästchen des Hauses nach Hustensaft. Dabei fiel ihm ein Tropfenfläschchen mit der Aufschrift Paracodin und dem Wirkstoff Dehydrocodein in die Hände. Walter nahm einen kräftigen Schluck direkt aus dem Fläschchen. Dreißig Minuten später fühlte Walter mit jeder Faser seines Daseins, dass dies es war, was ihm die ganze Zeit über gefehlt hatte. Walter stellte Recherchen an und entdeckte, dass Dehydrocodein als Opioid zu den Betäubungsmitteln gehörte. Nun war Walter klar geworden, wollte er wieder gesund sein und funktionsfähig wie noch vor Kurzem, musste er opioide Medizin einnehmen. Aber Walter stellte fest, dass im ganzen Lande keine Opioide mehr erhältlich waren, es sei denn, auf ärztliche Verordnung. Ärzte aber, waren inzwischen bei der Verordnung von Opioiden an strenge Indikationen gebunden und Walters Leiden, dass noch nicht mal bekannt zu sein schien, gehörte nicht zu diesen Indikationen.
Egal, wie Walter sein Problem auch erklärte, kein Arzt, selbst nicht Doktor Reders, fand sich bereit, Walter Opioide zu verordnen. Bei seiner Suche nach ärztlicher Hilfe, landete Walter schließlich auch bei einem Psychiater, bei Doktor Dämelmann. Dämelmann hielt nichts von Opioiden. „Die machen nur süchtig“, erklärte er und verordnete Walter ein atypisches Neuroleptikum. „Nehmen Sie das ein“, sagte Dr. Dämelmann zu Walter und versicherte, „Sie werden sehen, Ihnen wird es bald besser gehen“. Walter, in seiner Not, folgte Dr. Dämelmanns Empfehlung. Er schluckte über Wochen hinweg brav seine Medizin.
Wie Walter aber schien, ging es ihm dadurch keineswegs besser, im Gegenteil, Walter fühlte sich wesentlich schlechter. Irgendwie, fühlte Walter sich mehr und mehr von der eigenen Person entfremdet. Morgens, vor dem Spiegel, schien Walter, als rasierte er einen Fremden. Auch Walters Frau Maria, bemerkte eine starke Veränderung an ihrem Mann. Ihr fiel hauptsächlich auf, dass es Walter plötzlich an sexueller Potenz fehlte. Das war etwas, dass sie an ihrem Walter, trotz allen Veränderungen der Vergangenheit, noch nie zu bemängeln hatte.
Walter fühlte sich miserabel und er berichtete Doktor Dämelmann davon. Dämelmann wusste sofort Rat. Er verordnete Walter zwei weitere Medikamente, um die beanstandeten Nebenwirkungen des ersten aufzufangen. Für alle Fälle, verordnete er auch noch ein modernes, trizyklisches Antidepressivum „Sie werden sehen“, sagte Dämelmann, während er das Rezept unterzeichnete, „das wird ihre Stimmung gewaltig heben“…-
In einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung, hielt Walter die Verordnung Dämelmanns gewissenhaft ein und schluckte brav seine Medizin. Es geschah einige Tage später während des Mittagstisches. Walter, der schon die ganzen letzten Tage sehr still geworden war, brach plötzlich in Tränen aus. Er konnte vor Schluchzen nicht mehr Sprechen. „Um Himmels Willen! Walter!“, rief Maria aus. Doch Walter konnte seiner Frau nicht antworten, so sehr schnürte ihm der Weinkrampf die Kehle zu. Noch nie zuvor in seinem ganzen Leben, hatte Walter sich so elend depressiv gefühlt, wie gerade während der Einnahmezeit von Doktor Dämelmanns Antidepressivum. Nicht einen Funken Gutes, hatten Walters Besuche bei Doktor Dämelmann und dessen furchtbare Medizin gebracht. Ganz im Gegenteil. Alles schien nur noch schlimmer geworden zu sein. Walter ging nie wieder zu Doktor Dämelmann. Den Rest seiner Medizin, spülte er durch die Toilette. Danach holte er in einem Akt schierer Verzweiflung die restlichen Paracodintropfen aus dem Medikamentenkästchen und schluckte sie alle. Und siehe da, keine halbe Stunde später fühlte Walter sich wieder so gesund und wohl, wie seit Monaten nicht mehr.
Eines Tages war Walter wieder von einem Arzt abgewiesen worden. „Opioide machen süchtig. Deshalb verordne ich ihnen keine“, hatte der Arzt gesagt, wobei Walter glasklar durch den Kopf gegangen war: „Na und? Lieber süchtig und dabei gesund, als nicht süchtig und absolut elend“. Zum eigenen Verdruss fand er aber nicht den Mut, seine Gedanken in Gegenwart des Arztes auch auszusprechen…-
Als Walter die Praxis dieses Arztes verließ, wurde er auf der Straße von einem jungen Mann angesprochen. „Brauchst Du was?“, fragte der. „Wie meinen Sie das, brauchst du was? Was soll ich brauchen?“, fragte Walter vorsichtig zurück. „Na, Shore“, sagte der junge Mann daraufhin. „Heroin eben“. War Heroin nicht auch ein Opiat, durchfuhr es Walter. Und welch seltsame Fügung doch, dass gerade jetzt, in diesem Augenblick, dieser junge Mann ihn ansprach. „Wie viel soll es denn kosten?“, informierte Walter. „Nun, weil Du es bist“, erklärte der junge Mann, „verkaufe ich dir das Gramm für 50 Euro“. „Gib mir fünf Gramm“, sagte Walter und nahm seine Brieftasche aus der Jacke. Nachdem der Kauf getätigt war, gab der junge Mann Walter eine Telefonnummer. Dabei sagte er, „Wenn du wieder etwas brauchst, rufst Du mich einfach an“.
Zuhause angekommen, erkundigte Walter sich über das Internet, wie er das braune Pulver einnehmen musste. Am Ende entschied er sich, das Pulver zu schnupfen. Das Heroin tat genau die Wirkung, die Walter sich ersehnt hatte. Er fühlte sich mit einem Schlage ringsum gesund und hinsichtlich der Zukunft zuversichtlich…-
Walters Zuversicht war berechtigt. Wenige Tage später fand er eine Anstellung bei einem großen Kreditunternehmen. Dort betreute er die Computersysteme des Betriebs. Walters Gehalt war gut. Außerdem ermöglichte seine Stellung in diesem Unternehmen, auch Kredit zu günstigen Bedingungen zu erhalten. Unter den Bedingungen für Mitarbeiter, nahm Walter schließlich einen Kredit der gerade reichte, um endlich das Auto und die Wohnungseinrichtung zu bezahlen. Unterdessen hatte Walter schon mehrmals Gebrach von der Telefonnummer gemacht, die der junge Mann ihm gegeben hatte. So alle zwei Wochen, hatte Walter bisher bei ihm angerufen. Als aber Walter eines Tages wieder anrief, nahm am anderen Ende niemand ab. Und das blieb den ganzen Tag so, bis spät hinein in die Nacht. Auch am nächsten Tag, meldete sich dort niemand…-
Inzwischen bemerkte Walter, wie ihm übler und immer übler wurde. Ein befremdendes, quälendes Gefühl bemächtigte sich seiner. Es fühlte sich an, als habe Walter sich eine mächtige Erkältung zugezogen. Doch Walter war nicht dumm. Er kannte dieses Gefühl. Es war ihm einige Male überkommen, als er noch das Morphinsulfat von Doktor Reders einnahm und auch in den letzten Tagen des Absetzens dieses Medikaments. Es waren beginnende Entwöhnungssymptome.
Verzweifelt, versuchte Walter immer und immer wieder bei dem jungen Mann anzurufen. Doch vergebens. Niemand nahm den Hörer ab. Schließlich machte Walter sich auf den Weg in die Stadt. Auf einem kleinen Platz der Innenstadt, auf dem das Reitermonument eines früheren Kaisers stand, befand sich die örtliche Drogenszene. Sicher zwei Stunden, umkreiste Walter den Ort in stets kleiner werdenden Kreisen. Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen und begab sich direkt unter die Menschen der Szene. Kaum eingetroffen, wurde er auch schon angesprochen. „Brauchst du was“? Und klar, brauchte Walter was. Vierundzwanzig kleine Kunststoffbällchen, gefüllt mit braunem Pulver, erwarb er schließlich. Der Preis war ihm dabei egal, so sehr quälten ihn bereits ein mächtiges Ziehen in den Beinen und im Rücken, sowie ein äußerst schmerzhaftes Rumoren in den Eingeweiden. Walter steckte die Handelsware in seine Jackentasche und machte sich auf den Nachhauseweg.
Weit, kam Walter nicht. Er hatte gerade erst zwei Straßenecken zurückgelegt, als eine junge Frau und ein Mann ihm das Weitergehen verwehrten. Die junge Frau hielt Walter einen Kunststoffausweis vor die Nase, auf dem ihr Bild zu sehen war und die Aufschrift „Polizei“. „Kriminalpolizei“, sagte die junge Frau. „Sie sind vorläufig festgenommen“.
Im selben Moment, verspürte Walter im Rücken den Druck eines zwar kleinen, aber harten Gegenstandes und eine Männerstimme sagte, „Nehmen Sie ihre Hände hoch“. Während der Mann weiterhin den Lauf seiner Pistole in Walters Rücken drückte, griff die junge Frau in Walters Jackentasche und holte die Heroinportionen hervor. Walter wurde in ein Fahrzeug befördert und zur Polizeiwache gebracht. Nach einer kurzen Vernehmung, bei der Walter freimütig gestand, dass er das Heroin an der Drogenszene erworben hatte, wurde er in eine Zelle geschlossen. Dort verbrachte er den größten Teil der Nacht damit, vergebens nach einem Arzt zu rufen. Als er am Morgen darauf einem Haftrichter vorgeführt wurde, konnte er vor Entwöhnungssymptomen kaum noch stehen. „Ich brauchte das Zeug als Medizin“, versuchte Walter dem Untersuchungsrichter seine Lage zu erklären. „Ich musste es an der Drogenszene kaufen, weil man es ansonsten nirgendwo bekommt“. Doch egal, wie Walter seine Handlung auch zu erklären versuchte, für den Haftrichter war er nichts weiter als nur wieder einer dieser „Heroinsüchtigen“, wennschon vielleicht ein besonders tragischer Fall, bedachte man die berufliche und gesellschaftliche Konsequenz seines Handelns. Aber so ging es eben mit solchen Süchtigen. „Das Teufelszeug Heroin“ machte vor keinen gesellschaftlichen Klassen Halt. Haftrichter Adalbert hatte schon viele Heroinsüchtige gesehen, und welche Geschichten hatte er dabei nicht schon gehört? In seinen Augen, waren sie alle gleich, nämlich „rauschgiftsüchtig“! Unter den gegebenen Umständen schien es Haftrichter Adalbert sogar, dass dem Beschuldigten am besten gedient sei, man ließe ihn nicht mehr auf freien Fuß. „Ließe ich diesen Mann jetzt laufen“, so sagte Haftrichter Adalbert sich, „stünde er in zehn Minuten wieder an der Drogenszene und kaufte erneut Rauschgift. Ich tue ihm also einen Gefallen, wenn ich ihn in Haft belasse“. Und so unterzeichnete Haftrichter Adalbert, im tiefsten Bewusstsein der Rechtschaffenheit, Walters Haftbefehl…-
Damit blieb Walter, bis zur nächsten Haftüberprüfung zwei Wochen später, in Untersuchungshaft. Dummerweise dachte zwei Wochen später der Haftrichter, der Walters Haftüberprüfung bearbeitete, über Heroinsüchtige nicht anders als sein Kollege Adalbert. Deshalb verlängerte er Walters Haftbefehl auf weitere zweiundzwanzig Wochen. Walter blieb in Untersuchungshaft, bis fünf Monate später seine Hauptverhandlung stattfand.
Als Walter bei dieser Hauptverhandlung dem Vorsitzenden Richter erklären wollte, weshalb er Heroin erworben hatte, erklärte sofort ein Professor Spamm, der als Sachverständiger geladen war, Walters Erklärungen seien nichts weiter als typische Ausreden, mit denen Süchtige ihre Sucht zu rechtfertigen suchten. Bei dieser Hauptverhandlung wurde Walter schließlich wegen Erwerb und Besitz von Betäubungsmittel in nicht geringer Menge, ohne im Besitz der nötigen Genehmigung zu sein, zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Doch zum Glück wurde Walters Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt.
Unterdessen, war allerdings Walters Arbeitsplatz flöten gegangen. Und nicht nur das. Maria, Walters Frau, hatte die Scheidung eingereicht und arbeitete daran, dem „rauschgiftsüchtigen“ Vater ihres Kindes jegliches Sorgerecht zu entziehen.
Als Walter nach der Hauptverhandlung wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, war er auch noch obdachlos geworden. Maria hatte inzwischen eine gerichtliche Verfügung erwirkt, dass ihr Heroin süchtiger Ex-Gatte, die gemeinsame Wohnung nicht mehr betreten durfte. Walter fand vorläufig Bleibe in einem Heim für ehemalige Strafgefangene. Dort hatte er einige Zeit die Ruhe, um über sein Schicksal nachzudenken. „Welch ein Werdegang“, dachte er verwundert. „Jetzt bin ich ein vorbestrafter Heroinsüchtiger. Dabei wollte ich von Anfang an nichts weiter, als nur gesund sein“. Und immer mehr dämmerte Walter dabei, wie gründlich doch Menschen mit Erkrankungen wie die Seine, unerwünscht waren in dieser Gesellschaft und wie rücksichtslos man doch versuchte, sie auszustoßen...-
Es dauerte gerade mal drei Monate und Walter war "rückfällig" geworden, oder wenigstens nannten die Leute das so, die keine Ahnung davon hatten, was tatsächlich in Menschen wie Walter vorging. Walter konnte gar nicht "rückfällig" werden, denn im Geiste hatte er sich noch nie vom Opioid getrennt. Immerhin hatte er sattsam am eigenen Leibe erlebt, wie wohl Opioide ihm taten. Tatsache war, dass Walter weniger rückfällig, dafür aber immer mehr hinfällig wurde. Das aber, schien keinen der vielen Leute, die ihn umgaben, zu interessieren, obwohl sie doch ansonsten so sehr Interesse vorgaben, an Walters Wohlergehen, all die Sozialarbeiter, die Sozialpädagogen, die Psychologen, der Bewährungshelfer und was sich nicht so alles ungefragt um Walter scharrte, um an seinem Elend, Brot zu verdienen…-
So kam Walter wieder vor den Haftrichter Adalbert. Wie schon zuvor, erwies Richter Adalbert Walter die "Gefälligkeit", und widerrief seine Bewährungsstrafe. Deshalb kam Walter diesmal nicht in Untersuchungshaft, er kam in Strafhaft. Einige Monate später fand wieder eine Hauptverhandlung statt. Walter wurde zu weiteren vierundzwanzig Monaten Freiheitsstrafe verurteilt und diesmal ohne Bewährung…-
Irgendwann, wurde Walter wieder aus dem Gefängnis entlassen. Er landete wieder in demselben Heim für ehemalige Strafgefangene wie schon einmal zuvor. Ein solches Leben kostete Kraft und die hatte Walter nicht. Je mehr aber Kraft von ihm gefordert wurde, desto mehr verlangte es ihn nach seiner Medizin, von der er wusste, dass sie ihm die nötige Kraft gäbe. Auf diese Weise gelangte Walter in eine Zange, die eifrig von jenen immer fester zugedrückt wurde die vorgaben, Walter zu helfen. Walter endete sogar in einer Einrichtung die man "Drogentherapie" nannte, wo man davon ausging, die Einnehmen von Morphin das der Arzt nicht verordnet hatte, sei an sich eine Krankheit, die psychotherapeutisch und sozialpädagogisch behandelt werden müsse. Die Durchläufe solcher Einrichtungen kosteten imens viel Geld, doch brachten sie nur jenen Vorteil die finanzielle Anteile besaßen, dort arbeiteten oder jenen, die nicht aus triftigen Gründen zu Morphin gelangt waren, wie bei Walter der Fall, sondern aus Dummheit oder Langeweile morphingewöhnt worden waren.
All dies war der Beginn einer Laufbahn, die nach einigen weiteren "Therapien" und Gefängnisaufenthalten mit Walters Selbstmord endete. Von dem Moment an, da Walter seine Krankheit erkannt und sich um ihre Behandlung bemüht hatte, befand er sich auf einer gesetzlich geregelten Bahn, die ihn zuletzt in den Tod springen ließ. Es gibt so viele Schicksale, wie das von Walter. Und sie sind einander so ähnlich, dass der Verdacht entsteht, es stecke System dahinter. Auf dieser gesetzlich geregelten Bahn, fanden in den letzten 60 Jahren immerhin schon rund 100.000 überwiegend junge Menschen den Tod.
Das Zielgerichtete und die Effizienz des Geschehens läßt vermuten dass hier einflussreiche Leute tätig geworden sind, um den humangenetischen Pool von Menschen frei zu halten, die aufgrund ihrer psychischen Verfassung eines Medikaments bedürfen. Verwenden sie die Medikamente der Industrie, giftige, synthetische Chemikalien, die irreparable Gehirnschäden verursachen und die Lebenserwartung drastisch verkürzen, ist dem Ziele gedient. Verwenden sie aber Opioide, die keinerlei Organschäden verursachen und die Lebenserwartung vielleicht sogar noch verlängern, steht dies dem Ziel im Wege. Sie werden mithilfe eines unseligen Btm Gesetzes zur Strecke gebracht.
Walter war nicht das erste Opfer dieses eugenischen Vorhabens und er wird auch nicht das letzte sein. Es liegt an uns allen, dem mörderischen Wahn Einhalt zu gebieten. Wir haben dafür zu sorgen, dass Menschen wie Walter problemlos ihre Opioide erhalten...-
Carlitos Amsel vom Holunderstrauch
|
Nach oben
|
Redezwang | Der Psychiater im Hintergrund
|
|