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Methadonbus
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Nachdem das städtische Gesundheitsamt den alten Doktor Hardenberg einige Jahre bearbeitet hatte, gab der schließlich auf. Jahrelang hatte er jedem, der in seine Praxis kam und es zu haben wünschte, eine Wochen- oder Monatsration Methadon verordnet. Dem alten Hardenberg war es egal, woher seine Patienten kamen und so waren sie aus ganz Europa gekommen. Das war freilich der Stadt und dem Land ein Dorn im Auge, da es völlig entgegen der Politik ging, die keine Morphinbedürftigen Ausländer im Lande duldete. Nachdem also der alte Hardenberg die Fahnen eingeholt hatte, er war inzwischen auch schon altersblind geworden und konnte kaum noch Rezepte schreiben, versprach das Amsterdamer Gesundheitsamt, alle seine Patienten, auch die aus dem Ausland, zu übernehmen. Aber wie man es von solchen Leuten erwartet, hatten sie gelogen. Jeder Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis für die Niederlande bekam gerade so viel Methadon ausgehändigt, dass es für die Reise in die Heimat reichte. Reiste man nicht ab, war es auch egal. Methadon, bekam man jedenfalls keines mehr.
Ich kann mich gar nicht mehr so recht erinnern wie es mir gelungen war, trotz fehlender Aufenthaltserlaubnis weiterhin versorgt zu werden. Ich glaube, Bernadette, die damalige Chefärztin der Methadonabteilung hatte sich für mich in di Bresche geworfen. Jedenfalls erhielt ich das Zeug weiterhin, aber ich musste es täglich beim Methadonbus holen, und das war teilweise ein ganz schönes Geschisse. Der verdammte Bus hatte im Laufe des Tages verschiedene Haltestellen, bei denen man einlaufen konnte. Aber diese Haltestellen wurden gelegentlich verändert und so kam es vor dass man an der üblichen Haltestelle stand und auf einen Bus wartete, der nicht mehr kam. Eine Zeitlang hatte er seine Haltestelle am Museums Plein, vor dem Rijksmuseum. Da ich im Bijlmermeer wohnte, etwa zwanzig Minuten mit der U Bahn und weitere zwanzig mit Bus oder Straßenbahn entfernt, durfte ich zwei Jahre lang jeden Tag diese Reise antreten, ohne Fahrkarte versteht sich. Wurde man in der Metro, im Bus oder in der Straßenbahn ohne Fahrkarte angetroffen, wurde etwas verlangt, worauf ein Name stand. In den Niederlanden gab es damals keine Ausweise und keine Ausweispflicht und so hatte ich immer ein Taschenbuch bei mir, in dem der Name eines Nachbarn stand, den ich nicht ausstehen konnte. Den zeigte ich den Fahrkartenkontrolleuren. Danach fragten sie noch nach der Adresse und ich gab ihnen die meines Nachbarn. Wie ich um einige Ecken erfuhr, waren mit der Zeit über dreißig Bußbescheide bei ihm eingegangen. Wie er sie sich wieder vom Hals geschafft hatte, blieb mir unbekannt...
Meist war ich auch noch zu früh an der Haltestelle. Dann stand man da und war sich nicht sicher, ob man auch an der richtigen Stelle stand. War die Haltestelle etwa verändert worden? Sag bloß? Dann bliebe man den ganzen verfluchten Tag ohne Medizin? Aber dann sah man auch schon einige andere Gestalten herbeischleichen. "Weißt Du, ob der Bus hier hält"? Mist! Doch mit jeder Figur die antanzte, wurde man zuversichtlicher. So viele Leute konnten hinsichtlich der korrekten Haltestelle nicht irren. Und dann kan er herangeschaukelt, der Methadonbus. In den ersten Jahren war es ein gewöhnlicher Bus der städtischen Verkehrsbetriebe, ein Bus wie alle anderen Verkehrsbusse der Stadt, dunkeles rostrot und einigermaßen vergammelt. Im Innern hatte man alle Sitze entfernt. Nur die Querbank ganz hinten hatte man belassen. Die Fahrerkabine war vom Busraum durch eine Scheidewand völlig abgetrennt Man hatte eine Art Bankschalter eingebaut, mit schussfestem Glas und kleiner Durchreicheluke. Einige Jahre später wurde die alte Klapperkiste ausgetauscht. Plötzlich kam eine Art Raumschiff auf Rädern daher. Alluminium irgendwie, schnittig und mit grüner Farbe das Emblem des städtidchen Gesundheitsamtes an den Seiten.
Mit den Jahren wurde das Leben mir zunehmend geneigter. Als ich im westlichen Hafengebiet in einem großen Wohnwagen wohnte, verlegte man die Haltestelle des Busses prompt in den Westerpark, nur wenige Steinwurf entfernt von meinem Zuhause. Von da an lief ich zufuß hin. Der Bus traf gegen zwölf Uhr Mittag ein. Wie der Zufall es wollte, traf ich fast jeden Tag auf dem Wege dorthin zwei kleine Negerkinder, die von der Schule kamen. Sie waren keine drei Fuß hoch, hübsch anzusehen und mit liebenswertem Benehmenr. Es waren Geschister, ein Junge und ein Mädchen. Eines Tages gingen sie mich prompt um Kleingeld an. Ich hatte keine Münzen bei mir und mein kleinster Schein waren fünfundzwanzig Gulden, also gab ich ihnen den. Seitdem lauerten sie mir jeden Tag auf, verborgen hinter einem Haselnußstrauch der am Wegesrand wuchs, und fragten freundlich um etwas Geld. Nun sorgte ich dafür, dass ich immer wenigstens fünf Gulden in Schein oder Münzen bei mir hatte. Wie niedergeschlagen ich mich auch fühlte, der Anblick dieser beiden niedlichen Strolche baute mich wieder auf. Die strahlenden Augen und das breite Lächeln der dunkelbraunen Zwerge war mir allemal fünf Gulden wert!
Carlitos Amsel vom Holunderstrauch
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