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Suchtstation
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I N H A L T
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Text von "Blut & Mohnmilch" Alle Bücher plus e-Bücher bei Epubli Verlag Alle Bücher bei Amazon Lesepre bei Google Buch
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A3, eine Abteilung der Krankenstation eines großen deutschen Untersuchungsgefängnisses, wurde auch „Die Suchtstation“ genannt, weil sich dort überwiegend substanzgewöhnte Gefangene befanden. Zu der Zeit, in der diese Erzählung spielt, Anfang der siebziger Jahre, handelte es sich bei den meisten dieser Substanzgewöhnten noch um Alkoholiker. Straffällig gewordene Morphinbedürftige gab es damals noch nicht so viele. Das sollte sich aber durch eine Verschärfung und rigorosen Anwendung des Betäubungsmittelgesetzes und einer tückisch manipulierten Betäubungsmittelrechtsprechung bald drastisch ändern. Wir waren erst am Anfang einer gewaltigen Morphinistenschwemme, die in der Folgezeit in der Suchtstation eintreffen sollte. Mit einem Male waren Besitz und Erwerb auch kleinster Mengen nicht ärztlich verordneten Morphins streng verboten. Die meisten Ärzte wagten es in dieser drohenden Atmosphäre nicht mehr, Morphine zu verschreiben. Dadurch wurden XXX – Tausende, bis dahin völlig unbescholtene und harmlose Menschen, die zum gesunden Leben lediglich eines Morphins bedurften, über Nacht extrem kriminalisiert und in Gefängnisse geworfen. Im Gegensatz zu Alkoholikern, deren Entwöhnungssymptome mit dem Medikament Distraneurin und anderen Medikamenten gelindert wurden, bekamen Morphinbedürftige zur Linderung ihrer Entwöhnungssymptome allenfalls Schikanen und Prügel, aber keine hilfreichen Medikamente. Noch galt in ganz Deutschland die Abgabe von Methadon an Morphinbedürftige, und sei es nur als Hilfsmittel zur Entwöhnung durch Dosisreduktion, als „ärztlicher Kunstfehler“, der strafrechtlich geahndet wurde. Morphinbedürftige, so ging die allgemeine Auffassung, seien an ihrem Zustande selbst schuld. Somit sei es nur gerechtfertigt, wenn man sie unter ihren Entwöhnungssymptomen kräftig leiden ließe. Weshalb derselbe Grundsatz nicht auch für Alkoholiker galt, die ja wohl an ihrem Zustand auch „selbst schuld“ waren, oder für Skisportler die sich aus „eigener Schuld“ die Knochen brachen, oder für Motorradfahrer und Formel 1 Rennfahrer, die verunglückten, oder für Bergsteiger und Testpiloten die abstürzten, lag am kulturellen Faschismus der Zeit, propagiert und in Medizin, der Gesetzgebung und Rechtsprechung etabliert durch den damaligen Deutschen Ärztepräsidenten und ehemaligen SS-Mannes & Arztes, Vorsitzender des Ausschusses für Psycho-Hygienische Fragen der Bundesärztekammer und bis dato mächtigster und am höchsten und vielfältigsten dekorierter Arzt Europas aller Zeiten, der keinen geringen eugenischen Einfluss auf Betäubungsmittel-Gesetzgebung und Betäubungsmittel-Rechtsprechung der Bundesrepublik genommen hatte. Wie war doch noch sein Name? Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre auch noch der mächtigste Arzt der Welt aller Zeiten geworden. als er kurz davor stand, Präsident der Welt-Ärztekammer zu werden, hätte nicht ein Arzt aus San Franzisco, Michael Franzblau, noch rechtzeitig seine Vergangenheit aufgedeckt. H.J.S. ist kürzlich im Alter von 94 Jahren in Dachau gestorben, womit er den Beweis erbrachte, dass man in der Bundesrepublik sogar unter dem Verdacht der Beteiligung an 900 Morden, ruhig an Altersschwäche sterben kann, sofern man nur über ausreichend einflussreiche alte Kameraden in hohen Positionen verfügt….…
Die Zelle Fast am Ende eines langen, von staubigen Neonröhren trübe beleuchteten Korridors, betrat ich eine Zelle mit der Nummer 212. Zelle 212 war zwar für sechs Mann eingerichtet, momentan aber nur mit zweien belegt. Links der Tür standen zwei Stockbetten an der Wand, rechts davon eines. Der Tür gegenüber, knapp unterhalb der Decke, befanden sich zwei kleine Fenster mit dicken Gittern aus massivem Vierkanteisen. Unter den beiden Zellenfenstern hingen sechs schmale Sperrholzschränke, die wegen ihrer pastellenen Farben eher in ein Kinderzimmer gepasst hätten, als in eine Gefängniszelle. In der Ecke rechts der Tür befand sich die Toilette, von einem Verschlag aus Spanholzplatten umgeben, überzogen mit weißem Kunststoff. Daneben hingen zwei Handwaschbecken, darüber, polierte Blechspiegel. Ein Tisch in der Mitte des Raumes, umstanden von sechs Stühlen, vervollständigte die Einrichtung.
Der Professor Am ersten Tage meines Aufenthaltes in der Suchtstation, wurde ich dem Chefarzt der Krankenstation vorgestellt. Sein Untersuchungszimmer befand sich in dem Korridor, der den Ostflügel der Krankenstation mit dem Westflügel verband. Das Untersuchungszimmer des Chefarztes sah nicht viel anders aus als andere Untersuchungszimmer auch. Von einer hohen Decke, die noch bröckelige Überreste einstiger Stuckzierde zeigte, hingen an langen Stangen zwei kugelige, milchgläserne Beleuchtungskörper herab. Links der Tür, halb hinter einem vergilbten Kunststoffvorhang verborgen, stand ein Untersuchungstisch, bespannt mit dunkelgrünem Gummi, von dem die graue Manschette eines Blutdruckmessgerätes baumelte. Darüber hing ein kleines Rotkreuzkästchen mit milchgläsernen Türen. Die Wände des Zimmers waren mit gelbgrüner, glänzender und vermutlich abwaschbarer Farbe gestrichen. Entlang der linken Wand stand ein hohes Bücherregal von Naturholz, in dem sich einige verstaubte Bücher befanden und verschiedene Arzneimittelpackungen. Ein deutlicher Geruch nach reinem Alkohol hing in der Luft. Das Untersuchungszimmer machte minder Eindruck, dominierte in der Mitte nicht ein gewaltiger Schreibtisch aus weiß lackiertem Stahlblech. Dahinter saß, die tiefe Kerbe eines alten Schmisses auf der linken Hängebacke, Nickelbrille mit Gläsern wie Fernsehapparate im alkoholgeröteten Gesicht, die imposante Gestalt des Gefängnisarztes Obermedizinalrat Professor Doktor Joachim Egelbreit. Ein Kranz weißer Haare stand von seinem Schädel ab und leuchtete, vom Lichte eines rückwärtigen Fensters durchschienen, wie eine Gloriole. Neben dieser Attraktion stand, im weißen Arztkittel und mit einer Hand leger auf die Schreibtischplatte gestützt, ein Häftling in der privilegierten Stellung eines Arzthelfers. Beide, Professor und Arzthelfer, sahen mir mit unverhohlener Neugierde entgegen, als ich an einem Fußabstreifer vorbeiging, der mitten im Raume am Boden lag, und auf die beiden zutrat. Ich stellte mich vor den Schreibtisch, grüßte und nannte meinen Namen. Schwer atmend, stützte der Professor seine Fäuste auf die Schreibtischplatte, stemmte sich aus seinem Sessel und schrie, purpurn im Gesicht, „Gehen sie sofort drei Schritte zurück“! Ratlos, sah ich zum Arzthelfer hin und bemerkte, wie er mit einer Bewegung seines Kopfes zum Fußabstreifer wies, der hinter mir am Boden lag. Darauf, musste ich mich stellen, wobei ich mit dem Drang focht, meine Fingerspitzen an die Hosennähte zu legen. Kaum stand ich auf dem Fußabstreifer, nickte der Professor zufrieden und wies seinen Helfer an, mir Blut abzunehmen. Der Arzthelfer führte mich hinter den vergilbten Kunststoffvorhang zum grün bespannten Untersuchungstisch. Als er eine Injektionsnadel in meinem Arm versenkte, gab es, gut hörbar, ein knackendes Geräusch. Wie oft hatte ich nicht schon selbst alte, unscharfe Nadeln verwendet? Es müsste Nadeln geben, so dachte ich, die immer scharf blieben und deren Spitze sich nie verböge. War nämlich diese kleine Spitze der schräg geschärften Nadel erst verbogen und krumm wie ein Haken, ging die Nadel wohl noch rein ins Gewebe, aber es knackte dabei, und wollte man sie hinterher wieder herausziehen, hakte die krumme Spitze an der Venewand fest und man zerrte die halbe Vene mit hervor…
Während ich auf dem Untersuchungstisch saß und zusah, wie mein Blut in einen Zylinder floss, betrat ein etwas älterer Häftling den Raum. Er stellte sich, der kannte das schon, unaufgefordert auf den Fußabstreifer und klagte, „Ich habe seit Tagen so furchtbare Kopfschmerzen, Herr Doktor“. Der Professor wurde aufmerksam. Er nahm seine Brille ab, lehnte sich in seinem Sessel nach vorne, rieb sich die Augen und fragte betont liebenswürdig, „Kopfschmerzen, sagten sie? Aber dann kommen sie doch bitte mal näher und zeigen sie mir ganz genau, wo diese Kopfschmerzen sitzen”. Unsicheren Schritts, trat der Häftling an den Schreibtisch des Professors. Er tippte mit den Fingern vage gegen seine Stirn und murmelte, „Hier so in etwa, Herr Doktor“. Im Befehlston, wandte der Professor sich an seinen Helfer, der gerade einen Zylinder, gefüllt mit meinem Blut, ins Regal stellte. „Geben sie diesem Mann sofort fünf Milliliter P1 in die schmerzende Stelle und machen sie flott, der Herr hat Schmerzen“! Mit einholender Geste winkte der Arzthelfer den Kopfschmerzpatienten zu sich. Er griff nach einer bereit liegenden fünf ml Injektionsspritze. An ihrer Spitze zitterte ein irisierender Tropfen. Der Arzthelfer griff seinem Patienten mit der Linken stützend an den Hinterkopf und stieß ihm dabei mit der Rechten die dicke Nadel der Spritze mitten in die Stirn. Mit dem Sitz der Nadel zufrieden, drückte der Arzthelfer den Spritzenkolben nieder und quetschte seinem verdutzten Patienten damit fünf Milliliter Flüssigkeit direkt unter die Stirnhaut. An der Einstichstelle entstand eine Beule, groß wie ein Fasanenei. Der Arzthelfer legte die leere Spritze beiseite und reichte seinem Patienten einen Wattebausch. „Drücken sie dies noch eine Weile auf die schmerzende Stelle“, empfahl er. „Sie werden sehen, in wenigen Minuten lassen ihre Schmerzen nach“. Der Mann nahm den Wattebausch entgegen, hielt ihn sich erst unter die Nase als müsse er ihn näher untersuchen und drückte ihn schließlich gegen seine Stirn. Er murmelte ein bescheidenes, undeutliches Dankeschön und schlurfte gebeugt zur Tür hinaus. Nie würde dieser Mann erfahren, dass die Injektion, die er soeben erhalten hatte, nichts weiter als sterile Kochsalzlösung enthielt. Mit dieser Methode trachtete der Professor nämlich, Häftlinge mit vermeintlich belanglosen Beschwerden fern zu halten. Seine Einstellung war: „Was hat dieser Mensch? Kopfschmerzen?! Erst gestern, platzte einem meiner Patienten ein Blutgefäß in der Luftröhre. Das war des Hinsehens wert, das kann ich ihnen versichern! Der Mann verdrehte die Augen, glitt vom Untersuchungstisch und lag sprudelnd am Boden. Seinen überraschten Blick hätten sie sehen müssen. An Hilfe, war natürlich gar nicht mehr zu denken. Sein Röcheln verlor sich und verstummte schließlich ganz, als er in seinem eigenen Blute ersoffen war. Und da kommen manche Leute mir mit Kopfschmerzen!?“
Auf dem Weg zurück zur Suchtstation, lief ich versehentlich in die verkehrte Richtung und landete dadurch in der Krankenabteilung A2. Dort sah es nicht viel anders aus als auf der Suchtstation auch. Im Korridor sah man denselben knarrenden und von vielen Füßen ausgetretenen Parkettfußboden, an den Wänden denselben abblätternden, schmutzig-gelben Farbanstrich und an denselben dicken Zellentüren von vier Zoll Eiche dieselben Schlösser, groß wie Suppenteller. In der Station A2 lagen hauptsächlich frisch Operierte und Leute mit Schussverletzungen. Die meisten dieser Schussverletzungen waren von Polizeikugeln verursacht worden. Dabei fielen naturgemäß an, zertrümmerte Knochen, zersplitterte Rückgrate und zerfetzte Organe. In der Krankenabteilung A2 gewann man den Eindruck, von allen Menschen mit Schusswaffen, schössen und träfen ausgerechnet Polizisten am häufigsten… . Die Belegschaft der Station war gerade beim Duschen. Alle Zellentüren standen offen. Reges Treiben füllte den Gang. Männer in Rollstühlen beherrschten die Szene. „Bei mir war’s glatter Durchschuss!“, hallte es von einem Ende des Ganges, während vom anderen Ende zurückgerufen wurde, „Dafür hast du jetzt aber auch einige Wirbel im Arsch“! Ich betrat eine der offenen Zellen. Dort lag in seinem Bette, mit gestrecktem und von Galgen und Gewichten hoch gehaltenem Bein, ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren. Er hatte den Ruf, „Halt! Stehen bleiben! Polizei!“, für einen Scherz seiner Freunde gehalten, die im Stillen aber schon von der Polizei festgenommen worden waren. Er war lachend weiter gelaufen. Glatter Durchschuss. Das Geschoss war von hinten in sein Bein gedrungen und hatte den Oberschenkelknochen zertrümmert. „Um ein Haar wäre ich auf der Stelle verblutet“, berichtete der junge Mann, sichtlich noch unter dem Eindruck des Geschehens…
Von Kugeln in die Beine Getroffene trugen zum Fixieren der Knochentrümmer dünne Stäbe von Chirurgenstahl quer durchs Bein, die zur Stabilisierung an den Enden mit Metallplatten verschraubt waren. Es erweckte den Eindruck, den Leuten wüchsen Fernsehantennen quer durchs Bein. Von Projektilen ins Rückgrat Getroffene saßen mehr oder weniger reglos in Rollstühlen oder lagen, vollständig gelähmt, apathisch auf Gipskorsetten und klimperten mit den Augen. (Die Blicke dieser Leute: Ein Hilfeschrei, lautlos und voller Entsetzen...) Viel Gips sah man auf der Station A2, viele Rollstühle, viele blutige Verbände und viele aus stinkenden, eitrigen Wunden ragende Fernsehantennen...
Die Nachbarn Mamuschka, oder „Die Ärztin von Stalingrad“, wie sie auch genannt wurde, war eine stämmige Ärztin russischer Herkunft. Sie war auf der Suchtstation Professor Egelbreits Assistenzärztin. Manchen Patienten, die Nerven durch Entwöhnungssymptome roh und bloß, reichte schon Mamuschkas Anwesenheit, ihre zufällige Berührung oder auch nur ihre geile rauchige Stimme, um spontan zum Orgasmus zu kommen. War man Mamuschka unter dem Einfluss von Entwöhnungssymptomen begegnet, man vergaß sie nie. Während Mamuschka an meinem Bette stand und meinen Blutdruck maß, mopste Rudi aus der Tasche ihres Kittels eine zehn cc Injektionsspritze mit aufgesteckter Nadel der Nummer eins. Kurz danach stürzte ein Rudel tollwütiger Wachbeamter durch die Suchtstation, fieberhaft auf der Suche nach der geklauten Spritze. Wir in Zelle 212 waren guter Dinge. Die Spritze konnte nicht gefunden werden. Sie stak wohl verborgen, tief in einem der hohlen Beine des Zellentisches. Als der Spuk vorüber war, verwendeten wir das Instrument um gelöste Kodeinzubereitungen, Diazepine und eingeschmuggeltes Morphin zu injizieren. Eine echte Injektionsspritze galt in der Suchtstation als überaus wertvoller Gegenstand. Improvisierte Injektionsapparate, gab es dagegen einige. Die Jungs von nebenan in Zelle 210, hatten beispielsweise die kleine Kugel aus der Spitze einer leeren Kugelschreibermine entfernt und danach die Spitze solange auf dem Beton des Toilettenfußbodens geschliffen, bis sie in etwa die scharfe Schräge einer echten Injektionsnadel aufwies. Danach brachen sie die Mine knapp unterhalb der Verdickung ab, die unter anderen Umständen die kleine Stahlfeder im Inneren eines Kugelschreibers an ihrem Platz hielt. Das stumpfe Ende dieses geschliffenen und abgebrochenen Minenstücks umwickelten sie mit Zigarettenpapier, wurmten es in die Öffnung einer leeren Shampoontube von weichem Plastik und gewannen auf diese Weise eine primitive Pumpe, einen improvisierten Injektionsapparat. Damit knallten die Jungs sich die Wirkstoffe grüner, kodeinhaltiger Zäpfchen, die sie in einem Esslöffel erhitzten, bis sie sich verflüssigten und das Wachs sich von den Wirkstoffen schied. Sie ließen die Lösung erkalten, nahmen das erstarrte Wachs von der Oberfläche, sogen die übrig gebliebene Flüssigkeit in ihre Shampootube und knallten sich die Brühe intravenös in die Armvenen. Daher stammten dann auch die großen, ekelhaften Löcher in ihren Armbeugen, die sie beim Duschen so verzweifelt zu verbergen suchten...
Tätowiert Eines Tages machte auf der Suchtstation das Gerücht die Runde, Professor Egelbreit plane am Rande der Stadt eine Spezialpraxis zur Entfernung von Tätowierungen. Die nötigen Fertigkeiten wollte der Professor an den tätowierten Insassen des Gefängnisses erwerben. Es dauerte nicht lange und es erschienen Plakate an den Wänden der Zellentrakte. Bald hörte man auch den Professor persönlich durch die Gänge tönen, fortan stünde er zur kostenlosen Entfernung von Tätowierungen zur Verfügung, „Kommt Leute! Kommt! Habt Vertrauen! Ich mache euch jede Tätowierung weg und zwar kostenlos! Greift zu, Leute! Diese Gelegenheit bietet sich so bald nicht wieder“!
Moderne Methoden, wie etwa das Abschleifen der betroffenen Hautpartie, Laserbehandlung oder gar Hauttransplantation, lehnte der Professor rigoros ab. Sie waren ihm zu zeitaufwendig, zu kompliziert, zu teuer. Deshalb wählte er die denkbar einfachste Methode. Er schnitt das tätowierte Hautstück einfach heraus und zurrte die entstandene Wunde mit Katzendarm so kräftig wie möglich wieder zusammen…
Tony, ein Hausarbeiter aus der Station A1, hatte ein tätowiertes Kettchen mit einem Kreuz daran ums Handgelenk. Als der Professor mit ihm fertig war, hatte er anstelle seines tätowierten Kettchens eine rote breite und brutal aussehende Narbe rings ums Handgelenk. Man gewann den Eindruck, ein Verrückter habe Tonys Hand amputiert und mit Katzendarm wieder an den Stumpf genäht. Arthur, hatte ein tätowiertes indianisches Stirnband um den Kopf. Bald hatte er, anstelle dieses Stirnbandes, eine knallrote, hohe und breite Narbe die aussah, als trüge er einen roten, prall gefüllten Fahrradschlauch um den Schädel. In seinem Fall erwies sich auch das Herabkämmen der Haare als sinnlos. Kein Mensch hatte so viele Haare, um darunter ein Gebilde wie diese Narbe zu verbergen. Zu allem Überfluss waren an den Stellen wo die Fäden gesessen hatten, auch noch kleine, senkrecht stehende Narben entstanden. „Jetzt musst du dir nur noch zwei Knöppe an den Hals nähen“, feixte Alfred, der schwule Arzthelfer. „Oder besser noch, du drehtest dir ’ne dicke fette Schraube durch den Hals. Dann sähest du aus wie Frankenstein und das macht bestimmt 'ne Menge her, glaube mir“. „Aber Ja“, kommentierte Walter trocken. „Die Idee ist gut. Du könntest dein Aussehen als Grundlage für eine lukrative Karriere verwenden, einen klugen Akt darauf bauen und Eintritt verlangen“.
Mit der Zeit bürgerte sich für diese Patienten des Professors die Bezeichnung „Die Frankensteine“ ein. Es dauert nicht lange und es wimmelte geradezu von „Frankensteinen“ in der Anstalt. Sie standen in Grüppchen beieinander auf dem Hof und in den Korridoren und zeigten sich gegenseitig ihre grässlichen Narben. Dabei waren manche von ihnen derart entsetzt über das Ergebnis ihrer Operation, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sahen als Lobeshymnen auf den Professor zu singen. So hörte man beispielsweise einen sagen, „Weißt du, ich bin ja so froh, endlich diese fürchterliche Tätowierung los zu sein. Und sieh dir doch nur diese Arbeit an. Schlecht, hat er das doch nicht gemacht, der gute Herr Professor, findest du nicht auch? So guck doch mal genauer hin. So übel sieht das doch gar nicht aus, oder? Die Narbe? Na ja, so schrecklich wirkt die Narbe dann auch wieder nicht, oder“? Stand man allerdings still genug neben einem dieser Frankensteine, hörte man wie er dachte, „Hätte ich Arschloch doch nur meine Tätowierung behalten“!
Neuzugang Eines Sonntagnachts hörte ich in der Schlaflosigkeit meiner Entwöhnung das Öffnen der Nachbarzelle. Sonntagnacht war eine ungewöhnliche Zeit um Zellentüren zu öffnen. Nach den Geräuschen zu urteilen, handelte es sich um einen Neuzugang. Neuzugänge am Sonntag und noch dazu nachts, waren mehr als nur ungewöhnlich. Wie ich am folgenden Tag erfuhr, litt der Neue so beängstigend an Entwöhnungssymptomen, dass man ihn nicht länger in der Zelle des Polizeibüros behalten wollte. Man hatte ihn deshalb noch Sonntagnacht mit einem Streifenwagen der Polizei in die Suchtstation gebracht…
Etwa eine Stunde nach Ankunft dieses Neuen, hörte man hastige Schritte und erregte Stimmen im Korridor. Am nächsten Tag erfuhr ich von Jürgen, einem der Jungs aus der Nachbarzelle, was sich nächtens zugetragen hatte. Kaum war der Neue in die Zelle getreten, hatten die Insassen stolz ihre selbst gebastelte Injektionsspritze präsentiert. Als alle wieder schliefen, fand der Neuling einen Aluminiumnapf voll Scheuerpulver hinter der Toilettenschüssel. Im Wahne seiner Entwöhnungssymptome bildete er sich ein, es sei Heroin. Er nahm einige Löffel voll, gab etwas Wasser hinzu, sog alles in die Shampootube des improvisierten Injektionsapparates und quetschte sich den sandigen Brei intravenös in die Blutbahn. Er brach sofort zusammen. „Er schlug mit dem Schädel so hart gegen die Kante des Waschbeckens“, wusste Jürgen zu berichten, „es klang wie ein Gong. Davon wurden wir wach. Wir zogen die Pumpe aus seinem Arm, nahmen sie auseinander, warfen die Teile aus dem Zellenfenster und drückten den Alarmknopf“. „Was ist aus dem Jungen geworden?“, fragte ich besorgt. „Keine Ahnung“, antwortete Jürgen. „Die Sanitäter hatten ihn weggetragen. Er kam nicht wieder...“ Die Technik des Professors Während der ersten beiden Wochen meiner Entwöhnung war es mir unmöglich, Gefängniskost, mehr nahrhaft als schmackhaft, zu mir zu nehmen. Die Wachbeamten sahen, dass meine Essensteller stets gefüllt wieder aus der Zelle gereicht wurden und meldeten mich beim Arzt. Dort war ein Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren vor mir an der Reihe. Ich setzte mich im Korridor auf eine Bank und sah durch die offen stehende Türe seiner Behandlung zu. Der Mann stellte sich vor dem Schreibtisch des Professors auf den Fußabstreifer, jedermann schien es zu kennen, und klagte über Schmerzen in der Brust. „Besonders am Abend, Herr Doktor“, erklärte er, „und ganz besonders beim Wasserlassen“. Der Professor legte eine Zeitschrift beiseite und trat interessiert an den Mann heran. „In der Brust, sagten sie? Und ganz besonders beim Wasserlassen? Machen sie bitte ihren Oberkörper frei“. Als der Patient mit nacktem Oberkörper vor ihm stand, bat der Professor, „Nun zeigen sie mir bitte ganz genau, wo diese Schmerzen sitzen“. Der Patient legte eine Hand auf seine Brust, drehte vage einige Kreise und meinte, „Hier so in etwa, Herr Doktor“. „Ich muss das schon genauer wissen“, knurrte der Professor und schob seine Zeigefinger unter die Achseln des Mannes. „Von hier bis hier so ungefähr“? Verunsichert, bejahte der Patient. „Und nach unten hin? Bis etwas unters Brustbein, nicht wahr?“, informierte der Professor und rammte, wie um seine Ansicht zu unterstreichen, seinen gestreckten Zeigefinger in die Magengrube des Patienten. Der Mann schnappte nach Luft und stöhnte, „Ja. Bis hierhin so ungefähr, Herr Doktor“. „Das hatte ich mir schon gedacht“, knurrte der Professor. Er öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und entnahm ein Kunststofflineal und einen Kugelschreiber. Seinem Assistenten rief er über die Schulter hinweg zu, „Bringen sie bitte sofort sechzehn fünf ml P1 und machen sie schnell. Dies ist ein besonders dringlicher Fall“! Danach trat der Professor wieder zu seinem Patienten und bat ihn, die Arme zu heben. Der Professor hielt das Lineal an die Schlüsselbeine des Mannes und zog mit dem Kugelschreiber eine waagrechte Linie und darunter weitere. Danach zog er mehrere senkrechte Linien. Ein Raster, mit sechzehn Kreuzpunkten, entstand auf der Brust des Patienten. Unterdessen war der Arzthelfer mit einem Tablett herangetreten. Darauf lagen, säuberlich aufgereiht, sechzehn fünf ml Injektionsspritzen. Der Professor nahm eine Spritze zwischen Daumen und Zeigefinger, zielte, und stieß sie in den ersten Kreuzpunkt auf der Brust seines Patienten. Der ersten Spritze folgten weitere fünfzehn. Als der Patient nach vollendeter Prozedur mit geschwollener Brust vor ihm stand, empfahl der Professor, „Nun legen sie sich in ihrer Zelle noch zwei Stunden auf den Bauch. Auf den Bauch, verstehen sie?! Und dass sie mir ja liegen bleiben! Halten sie sich nicht an meine Anweisungen, war die ganze aufwendige Behandlung für die Katz“! Sein Hemd in der Hand und die makabere Zeichnung des Professors auf der Brust, trat der Mann aus dem Untersuchungszimmer. Er eilte an mir vorüber und verschwand am Ende des Korridors…
Ich betrat das Untersuchungszimmer und stellte mich, man kannte das inzwischen ja schon, artig auf den Fußabstreifer. „Sie verweigern seit Tagen die Nahrungsaufnahme?“, eröffnete der Professor das Gespräch. Jetzt war dieser Mann Chefarzt der Suchtstation. Folglich musste er wissen, dass ich mich seit Tagen in der Entwöhnung befand und dass viele Menschen in diesem Zustand nicht aßen. „Sehe ich das Essen“, erklärte ich dem Professor wahrheitsgemäß, „wird mir sofort speiübel“. Der Professor rieb sein Kinn und überlegte. „Dann müssen wir ihnen etwas Schmackhafteres zu essen geben“. Er wandte sich an seinen Assistenten. „Was haben wir an Diäten“? „Wie wäre es mit Diabetikerkost?“, empfahl der Assistent. „Gut“, beschloss der Professor. „Sie können jetzt wieder gehen. Ab sofort erhalten sie andere Kost“. Von diesem Tage an erhielt ich Diabetikerdiät. Nicht zu vergleichen mit der aus Eimern geschöpften Pampe gewöhnlicher Nahrung. Den Hausarbeitern bereitete es sichtlich Spaß, beim Servieren meines Essens großen Aufwand zu treiben. Mit blauem Spültuch gefaltet über dem Arm und ein Tablett mit meinem Essen darauf balancierend, kamen sie den Korridor entlang getänzelt und erzählten unterwegs jedem, der Mann dort hinten in Zelle 212 habe so viel Geld, er ließe sein Essen aus einem Restaurant jenseits der Gefängnismauer kommen…
Schmerz und Wahnsinn einer Morphinentwöhnung wären weit besser zu ertragen, könnte man währenddessen zumindest ab und zu schlafen. Doch Schlaflosigkeit war das Symptom, das am längsten anhielt. Waren nach Wochen der Qual die meisten anderen Symptome schon in den Hintergrund getreten, plagte einen die Schlaflosigkeit noch Wochen, ja, manchmal Monate lang. Ich hatte deshalb die ganze Nacht wach gelegen, als gegen morgens endlich die Räder des Essenwagens über die losen Bretter des Parkettfußbodens im Korridor klapperten. Auf dem Korridor wiederholten sich die Worte, „Paul ist tot“. Wie ein vielstimmiges Echo klangen sie einmal näher, einmal ferner. Es war zu entnehmen, jemand namens Paul, vermutlich einer der Alkoholiker aus den Zellen im Korridor gegenüber, war tot in seinem Bett aufgefunden worden. Als die Zellentüre zur Frühstücksausgabe geöffnet wurde, lief ich zu der Zelle, vor der sich schon eine Traube Menschen versammelt hatte. Dort lag ein Mann auf seinem Bauch im Bett. Mamuschka und ihr Assistent drehten ihn gerade auf den Rücken. Sein blasses Gesicht mit den blau angelaufenen Lippen kam mir bekannt vor. Es war der Mann, der tags zuvor im Untersuchungszimmer des Professors die sechzehn Injektionen in die Brust erhalten hatte. Sollte es einen Zusammenhang geben zwischen diesen Injektionen und dem Tod dieses Mannes, wusste außer vielleicht einigen Mitgliedern des engeren Medizinerkreises nur ich davon...
Leben auf der Suchtstation Die Zellen der Suchtstation waren überwiegend für sechs Gefangene eingerichtet, oft aber mit wenigeren belegt. So waren wir zum Beispiel schon seit vier Monaten nur zu dritt in einer solchen Sechsmannzelle und das war auch gut so. Wir waren Brüder im selben Verlangen, Brüder derselben Zukunft in langer Gefangenschaft. Dadurch unterschieden wir uns in mancherlei Hinsicht doch etwas von gewöhnlichen Bürgern. Das Personal achtete nicht immer darauf, Gefangene so unterzubringen, dass Konflikte vermieden wurden. Eines Nachmittags betrat ein Neuzugang unsere Zelle. Walter Rudi und ich sahen den Neuen an, wir sahen einander an und dachten dabei alle dasselbe. Oh Mist, dachten wir. Hoffentlich ist das kein Epileptiker oder sonst was Verrücktes. Doch dieser Neue, ein Junge von etwa zwanzig Jahren, klein, mager, mit pickeliger Haut und langen strähnigen Haaren, war alles andere als ein Epileptiker. Er sollte uns beibringen, dass es weit Schlimmeres gab als einen, am Ende noch höchstsympathischen Epileptiker in der Zelle zu haben. Der Neue hieß Sven und er war Finne...
Trotz unserer Bedenken begrüßten wir Sven freundlich. Rudi schwang sich sogar auf den Zellentisch und befestigte das Kabel unseres selbstgebauten Tauchsieders an den Kontakten der Deckenlampe. Solche selbstgebauten Tauchsieder waren höchst effizient, aber auch lebensgefährlich. Es dauerte nur Sekunden bis das Wasser in unserer Kanne siedete und Walter Kaffee bereiten konnte. Danach saßen wir zu viert um den Zellentisch, schlürften heißen, starken Kaffee und machten uns miteinander bekannt. Sven sprach nur leidlich deutsch und so dauerte es eine Weile bis wir begriffen hatten, er saß wegen dem Diebstahl einer Hose im Gefängnis. Eine erbärmliche Hose, die zum trocknen an einer Leine gehangen hatte, konnte er nicht hängen lassen. Er nahm sie von der Leine und wollte fort damit. Anwohner die ihn beobachtet hatten, schnappten ihn, kneteten ihn ein wenig durch und riefen danach die Polizei.
„Oh Gott“, stöhnte Walter und richtete den Blick zur Decke. „Eine Hose hast du geklaut? Eine gottverdammte Hose?? Mach dir deshalb bloß keine Sorgen. Dafür bekommst du allenfalls eine Backpfeife von zwei oder drei Wochen. Danach bist du wieder frei“. Kaum hatte Sven von zwei oder drei Wochen gehört, fing er leise an zu heulen und beteuerte unter dicken Tränen die über seine pickeligen Wangen rollten, „Zwei bis drei Wochen!? So lange?! Ein ganzer Monat? Das halte ich nicht durch. Nein. Lieber tot. Lieber sterbe ich. Lieber nehme ich mir das Leben“. Wir sahen einander an und schwiegen. Wir kannten solche Gefängniskoller junger Leute, die zum ersten Mal im Gefängnis saßen. Rudi versuchte Sven zu trösten. „Du musst deshalb nicht gleich losheulen. Dann bist du eben einige Zeit bei uns. Du wirst sehen, das ist gar nicht so schlimm und deine paar Tage werden rasch vorüber sein. Die wenigen Tage? Die sitzt du doch im stehen ab!“ Doch alle Versuche den kleinen Sven zu trösten, schlugen fehl. Den ganzen Tag und noch bis spät in die Nacht hinein lag er uns mit seinen Klagen in den Ohren. Dass er die lange Haftzeit nie überstehen könne, klagte er, und dass er sich lieber das Leben nähme als so lange hier zu sein. „Nun gut“, entschied Rudi schließlich. „Es ist hoffnungslos. Kommt, wir wollen uns schlafen legen. Vielleicht kommt er ja morgen ein wenig zu sich“. Auch Walter, der die letzten Tage still und nachdenklich war, erklärte, „Ich höre mir sein Gejammer auch nicht mehr länger an. Ich bin doch kein Spiegologe oder wie diese Typen heißen. Außerdem habe ich mit meinem eigenen Fall schon Sorgen genug“.
Am nächsten Morgen begann Sven bereits beim Frühstück wieder zu klagen. Keine Ruhe ließ er uns. Andauernd lag er uns mit seinem Jammern in den Ohren. Ständig bohrte er, ob wir nicht vielleicht eine Möglichkeit wüssten durch die er schon morgen oder am besten noch heute und am liebsten gleich auf der Stelle frei käme. Vorbei war es mit unseren Schachspielen am Tage, vorbei auch die anregenden Gespräche am Abend, bei Kaffee und dem flackernden Schein selbst gebastelter Margarinekerzen.
Der dritte Tag brach an und noch stets verhinderte Sven mit seinem Jammer jede erträgliche Stimmung. „Eine Hose hat er geklaut! Bei Gott! Ich erschlage ihn!“, stöhnte Walter und warf in der Geste der Verzweiflung beide Hände in die Höhe. „Er ist noch sehr jung“, versuchte Rudi ihn zu beschwichtigen. Doch Walter blieb unerbittlich. „Wenn er so weiter macht“, meinte er, „wird er auch nicht viel älter werden“. Als am Abend dieses dritten Tages das Licht erlosch und wir uns bereits zu Bett gelegt hatten, begann Sven erneut zu klagen. „Ich halte das nicht aus“, jammert er aus seinem Kissen hervor, die weiß blau karierte Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen. „Ich will hier raus. Ich will hier weg. Ich will nicht mehr hier sein. Lieber sterben. Lieber tot. Lieber nehme ich mir das Leben“. Walter erhob sich von seinem Bett. Er ging zum Waschbecken, nahm etwas von der Spiegelablage und schlenderte damit auf Svens Bett zu. Zwischen Daumen und Zeigefinger gebogen und wie eine Stahlfeder gespannt, hielt Walter eine Rasierklinge. „Hier“, sagte er und ließ die Klinge mit hellem Singend in Svens Bett springen. „Nimm das und rede nicht immer nur davon. Tue es endlich auch einmal“. Damit drehte Walter sich um, ging zu seinem Bett und legte sich schlafen. Mein Bett, das als Stockbett über dem Bett von Sven war, erreichte man über eine kleine Leiter. Ich kletterte diese Leiter hoch, rückte mein Kissen zurecht und kroch unter meine Decke…
Während der Nacht wurde ich wach und wollte zur Toilette. Schlaftrunken, sprang ich vom Bett auf den Boden hinab. Als meine Füße den Boden berührten, glitten sie unter mir weg und ich fiel. Verärgert, stand ich wieder auf und ging weiter zur Toilette. Danach kletterte ich die kleine Leiter wieder hoch, schlüpfte unter meine Decke und schlief weiter…
Im Halbschlaf erreichten mich die ersten Geräusche eines beginnenden Gefängnisalltags. Die kleinen Räder der Essenwagen rappelten über die losen Bretter des alten Parkettfußbodens. Große Pötte voll Tee wurden hin und her gezogen. Bald ging das Licht in den Zellen an und ich erwachte. Verschlafen schlug ich meine Bettdecke zur Seite und erschrak. Ich war mit einem Schlage hellwach. Meine Bettdecke, das Bettlaken und vor allem meine Füße waren voll rostrotem Blut. Hastig untersuchte ich meine Füße. Sie waren voll Blut, schienen aber unverletzt. Da erinnerte ich mich meines nächtlichen Ganges zur Toilette und sah auf den Boden hinab. Aus dem Bette unter dem meinen hing ein bleicher, magerer Arm mit einer klaffenden Wunde an der Innenseite seines Handgelenks. Am Fußboden darunter lag, rotbraun und von augenscheinlich halbsolider Konsistenz, ein faustgroßer Klumpen geronnenen Blutes. Daneben, ein zweiter. Er war breitgetreten und eine blutige Fußspur führte davon zur Toilette und wieder zurück. Nun kamen auch Walter und Rudi aus ihren Betten und blickten erschrocken auf die blutige Bescherung zu ihren Füßen. Während der Nacht hatte Sven sich mit Walters Rasierklinge tiefe Schnittwunden an beiden Handgelenken zugefügt. Aber er hatte quer über die Handgelenke geschnitten und somit vielleicht einige Schaltkabel verletzt, aber sicher keine nennenswerten Blutgefäße. Eine Menge Blut hatte er dennoch verloren. Ermattet und mit bleichem spitzem Gesicht lag er in seinem Kissen und sah schuldbewusst in Walters vorwurfsvolle Augen. „Bei allen Göttern!“, rief Walter aus und warf in der Geste der Verzweiflung die Hände in die Höhe. „Der Kerl ist zu dämlich, sich das Leben zu nehmen“! In dem Moment knallten die Riegel der Zellentür, ein Schlüssel rappelte im Schloss und die Tür schwang zur Seite. Die Frühstücksausgabe hatte begonnen. Der Essenwagen mit Teetopf und Brotschnitten kam in Sicht, geschoben von zwei Hausarbeitern. Dahinter erschien ein Wachbeamter. Er stellte sich breitbeinig neben den Essenswagen und sah mit alkoholgeröteten Augen in unsere Zelle. Die Fäuste in die Hüften gestemmt, blickte angewidert auf das Blut am Boden. „Was ist hier los!?“, rief er verärgert. Walter seufzte und wies mit einer Bewegung seines Kopfes zu Sven, der auf seiner Bettkante saß und heulte. „Dieser junge Mann hier”, erklärte Walter mit theatralischer Gebärde, „wollte sich das Leben nehmen und war zu dämlich dazu“. Der Beamte, der während Walters Erklärung verärgert dreinblickte, befahl einem Hausarbeiter, einen Eimer heißes Wasser und eine Dose voll Schmierseife zu holen. Als beides vor ihm stand, schöpfte der Beamte mit großer Pranke einen Klumpen Schmierseife aus der Dose, klatschte ihn in das heiße Wasser des Eimers und warf einen Putzlappen hinterher. Er stellte den dampfenden Eimer vor Svens Füße und befahl, „Hier. Wische dein Blut vom Boden! Aber flott“! Sven hob seine Hände um seine Wunden zu zeigen und klagte, „Ich kann nicht. Ich bin verletzt“. Da packte der zornige Beamte ihn bei seinen mageren Armen, zerrte ihn von der Bettkante auf den Boden und tunkte seine Arme bis weit über die verletzten Handgelenke in das heiße Schmierseifenwasser. „Und jetzt sauber machen. Aber flott“! Rudi nahm unterdessen die Frühstücksrationen entgegen. Danach wurde die Zelle wieder verschlossen. Der rabiate Auftritt des Beamten hatte Sven sichtlich eingeschüchtert. Mit gesenktem Kopf kniete er am Boden, den Putzlappen in der Hand, und versuchte vergebens, das viele eingetrocknete Blut von den Bodenbrettern zu wischen. Wir standen erst ratlos daneben und sahen zu, wie seine blutroten Wunden unter der ätzenden Einwirkung des heißen Schmierseifenwassers das Rosarot von Kirschblüten annahmen. Schließlich sagte Rudi, „Jetzt hör schon auf und setz dich“, und zu Walter sagte er, „Mache dem Esel bitte eine starke Tasse Kaffee“. Danach holte Rudi einen Schrubber aus der Toilettenecke, nahm Eimer und Putzlappen zur Hand und begann den Boden vom eingetrockneten Blut zu reinigen. Die halbe Zelle setzte er dabei unter Wasser dabei und es dauerte nicht lange, bis von all dem vielen Blut keine Spur mehr zu sehen war.
Sven wurde im Laufe des Vormittags zum Arzt geholt. Wenige Minuten später war er mit dick verbundenen Handgelenken wieder zurück. „Hat man deine Wunden genäht?“, wollte Walter wissen. Nein. Man hatte Svens Wunden nicht genäht. Nur gereinigt und verbunden hatte man sie. Hässliche Narben wird er deshalb von diesem Abenteuer übrig behalten, der kleine Sven. Breite wulstige, sein Leben lang sichtbare Narben. Am Nachmittag wurde Sven in den Normalvollzug des Nordflügels gebracht. Wir sahen ihn nie wieder. Nach diesem „schrecklichen Erlebnis“, so fand das Wachpersonal, sei es angebracht, uns vorläufig in Ruhe zu lassen und keine Neuzugänge mehr in unsere Zelle zu bringen. Dieser Vorsatz sollte aber nicht lange anhalten…
Sterben auf der Suchtstation Walter bastelte gerade an einer neuen Tauchsiederkonstruktion, einer lebensgefährlichen Konstruktion aus blanken Stromdrähten und Rasierklingen, und ich war gerade dabei, meine erste Schachpartie gegen Rudi zu gewinnen, als Walter plötzlich ausrief, „Mensch Leute! Gerade kommt mir eine großartige Idee! Über all dem Wirbel meiner Verhaftung hatte ich völlig vergessen, dass bei mir zuhause unter dem Treppenabsatz noch ein dickes Tablettenröhrchen voll Heroin liegt. Es liegt dort genau hinter Mutters Staubsauger und wie ich Mutter kenne, sie hat die Bude seit Jahren nicht gesaugt, liegt es da noch“. Walter legte einen Zeigefinger an seinen Mund, überlegte kurz und fuhr dann fort, „Angenommen, wir schrieben meiner Mutter einen Brief und erklärten ihr darin haargenau wo das Zeug liegt und wie sie es verpacken müsste um es während ihres nächsten Besuches unauffällig in meinen Hemdkragen zu stecken, ich wette, sie würde es tun. Stellt euch nur mal vor. Dann hätten wir in wenigen Tagen mehrere Gramm Heroin in unserer Zelle! Meine Mutter ist, nennen wir es, ein wenig einfach. Wir dürften ihr deshalb nicht gleich auf die Nase binden dass es sich dabei um Heroin handelt. Am besten wir erzählten ihr, es sei ein Pulver dass ich im Gefängnis für meine Verdauung bräuchte“. Zwei Tage später schmuggelte Rudis Anwalt den Brief an Walters Mutter an der Anstaltszensur vorbei, frankierte ihn und warf ihn unterwegs in einen Postkasten. In zehn Tagen wollte Walters Mutter wieder zu Besuch kommen.
Ausgerechnet in den Tagen vor Mutters Besuch, betrat ein Neuzugang unsere Zelle. Robert, hieß dieser Neue. Er war zweiundzwanzig, klein und schmächtig, trug schulterlanges, blondes Haar und ein blasses Milchbärtchen am Kinn. Er sprach ein angenehmes Deutsch und gestikulierte dabei mit feingliedriger Hand zauberhafte Arabesken vor sich hin. Robert war ein aufgeweckter und angenehmer Zeitgenosse und uns Dreien auf Anhieb sympathisch. Rudi schwang sich auf den Zellentisch und vollzog das Tauchsiederritual und verwendete dazu Walters neue Tauchsiederkonstruktion. Diese Konstruktion bestand aus einem langen zweiadrigen Stromkabel, an dessen Drähten zwei Rasierklingen befestigt waren, getrennt durch ein Stück Holz. Damit alles gut zusammenhielt, war das Ganze mit Bindfaden umwickelt. Rudi befestigte die blanken Drähte des anderen Kabelendes an den 240 Volt Kontakten der Deckenlampe und ließ das mit Bindfaden umwickelte Bündel von Rasierklingen und Holz in eine Kanne voll Wasser fallen. Hallo! Das fauchte aber, knatterte und zischte! Blaue Funken regneten dabei von der Deckenlampe. Nicht lange, und das Wasser siedete und wir konnten Kaffee bereiten. Danach saßen wir um den Zellentisch, schlürften unser starkes heißes Getränk und machten uns miteinander bekannt. Robert saß, wie auch wir, wegen eines Betäubungsmitteldeliktes in Untersuchungshaft. Um seinen eigenen Bedarf zu decken hatte er auf den Straßen seiner Heimatstadt kleine Portionen Heroin vertrieben und war dabei festgenommen worden. Da Robert schon am nächsten Morgen in ein anderes Gefängnis gebracht werden sollte, würde er nur eine Nacht bei uns sein. Während wir um den Zellentisch saßen und uns allerlei zu erzählen hatten, dauerte es nicht lange und Robert, mit dem feinen Instinkt des Morphinbedürftigen, hatte Witterung von der Geschichte mit Walters Mutter. „Oh Mensch“, klagte er. „Und mich wollen sie morgen schon wieder von hier wegschaffen! Gibt es denn keine Möglichkeit, um noch einige Tage hier zu bleiben?“ Wir hätten dem sympathischen Robert gerne geholfen und so steckten wir die Köpfe zusammen und überlegten was man anstellen könnte, damit er noch eine zeitlang bei uns bliebe.
Der Plan Mehrere Liter Kaffee wurden über dem Problem getrunken, Optionen erwogen und wieder verworfen, bis Rudi vorschlug, „Könntest du nicht irgendwie krank werden, oder wenigstens eine Krankheit vortäuschen? Wir sind hier immerhin in einer Krankenstation“. Walter meinte dazu, „Vielleicht könntest du richtig krank werden, oder dich verletzten? Dann ließe man dich vielleicht noch so lange hier bis du wieder hergestellt bist. Kürzlich hatten wir einen jungen Finnen in unserer Zelle der versucht hatte, seine Pulsadern zu öffnen. Er tat es aber nicht um noch länger hier zu bleiben sondern im Gegenteil, um rascher weg zu kommen. Er hatte es allerdings auch ungeschickt angestellt und quer über seine Handgelenke geschnitten. Damit verletzte er vielleicht einige Schaltkabel, nicht aber die tiefer liegenden Blutschläuche. Man verband ihn und schaffte ihn noch am selben Tag in den Südflügel. Öffnetest du dir jetzt aber tatsächlich eine Pulsader, ließe man dich vielleicht noch so lange hier bis alles wieder verheilt ist“. Robert blickte auf. „Du meinst ich sollte mir eine Pulsader öffnen“? Walter nickte. „Warum nicht“? Robert überlegte. Rudi und ich sahen Walter an und schwiegen. Das Verlangen morphinbedürftiger Menschen nach Wohlbefinden und Gesundheit kann überwältigend sein und auf gefährliche Wege führen. Es dauerte nicht lange bis Robert sagte, „Ist gut. Ich tue es. Es ist mir diesen Versuch wert. Allerdings kann ich euch jetzt schon versichern, alleine bringe ich das nicht zustande. Dazu fehlen mir einfach die nötigen Nerven“. Nach einigen Augenblicken der Stille stellte Robert die Frage, „Kann mir nicht einer von euch helfen? Könnte nicht einer von euch eine meiner Pulsadern öffnen“? Walter sah ihn an. „Willst du es auch wirklich“? Robert nickte. „Ja. Ganz gewiss“. Er drehte eine Zigarette, steckte sie an, nahm einen tiefen Zug und blies einige Rauchringe von sich. Danach sah er uns der Reihe nach an, bis Walter erklärte, „Ist gut Robert. Sei unbesorgt. Sobald heute Abend das Licht erlischt, werde ich dir nach allen Regeln der Kunst eine Pulsader öffnen“. Mit diesen wenigen Worten war über das Leben von Robert entschieden worden. Nur wusste zu diesem Zeitpunkt noch keiner etwas davon. „Ach ja“, bemerkte Walter. „Damit du auch ordentlich blutest und nicht alles gleich wieder gerinnt, schluckst du am besten dies hier. Ich bekam sie vor einigen Tagen von einem der Alkoholiker geschenkt“. Walter reichte Robert eine Tablettenpackung. „Sie verringern die Gerinnung deines Blutes. Am besten, du schluckst gleich die ganze Packung“. Robert öffnete die Medikamentenpackung und schluckte die enthaltenen zwanzig Tabletten. Nun, da die Frage entschieden war, wandten Rudi und Robert sich dem Schachspiel zu, ich spielte dabei den unerwünschten Dritten und Walter kroch in seine Koje und steckte die Nase in einige zerfledderte Magazine…
Die Durchführung Als gegen zweiundzwanzig Uhr das Licht erlosch und nur noch die Suchscheinwerfer von draußen an der Mauer ein fahles Streulicht durch die vergitterten Fenster warfen, ging Walter zum Waschbecken und nahm eine Rasierklinge von der Ablage. Es war eine Klinge der Marke Rekord, eine billige Sorte, die es in der Haftanstalt umsonst gab. „Eine Wilkinson wäre mir lieber“, brummte Walter und zog den Gürtel aus seiner Hose. Er setzte sich auf seine Bettkante, klemmte ein Ende des Gürtels fest zwischen seine Knie, nahm das andere Ende am ausgestreckten Arm fest in die Hand, und zog die billige Klinge am Leder des Gürtels auf und ab. „Das müsste genügen“, entschied Walter nach einer Weile und legte den Gürtel beiseite. Mit der geschärften Klinge in der Hand trat er auf Robert zu. „Wir machen es in der Toilette“, erklärte er. „Dort kann man es auch am eindrucksvollsten gestalten. Damit die Soße schön an den Wänden hängt, schleuderst du am besten dein blutendes Handgelenk ordentlich umher. Vergiss auch nicht, dabei etwas davon ins Wasser der Toilettenschüssel laufen zu lassen. Blut mit Wasser vermengt macht sich immer gut. Es sieht grundsätzlich nach mehr aus“. Robert stand mit der Hand gegen die Tischplatte gelehnt und hörte Walter aufmerksam zu. „Und während du fleißig in der Toilette blutest“, fuhr Walter fort, „werde ich eine Zigarette rauchen und danach noch eine und dann noch eine. Auf diese Weise lassen wir etwa fünfundvierzig Minuten verstreichen. Danach drücke ich den Alarmknopf, die Sanitäter werden kommen und dich verarzten“. Rudi und ich saßen unterdessen auf der Kante meines Bettes und hörten Walters Ausführungen gespannt zu…
Wie Gespenster, sahen Walter und Robert aus, als sie schließlich im fahlen Streulicht der Scheinwerfer an uns vorüber und zur Toilette gingen. Im engen Toilettenverschlag fragte Walter, „An welchem Handgelenk wollen wir schneiden“? Robert überlegte kurz und fand, „Ich bin Rechtshänder. Nimm also mein linkes“. Walter nahm Roberts linke Hand in die seine und drehte sie mit der Handfläche nach oben. Er setzte die Rasierklinge etwa fünfzehn Zentimeter oberhalb der Daumenwurzel an und drückte dabei so kräftig auf, dass die billige Klinge sich bog. Robert wandte sein Gesicht zur Wand und hielt den Atem an. Walter wartete gerade noch die Spanne zweier Herzschläge ab, dann zog er die Klinge in einem Zug bis zur Daumenwurzel hinab. Ein Geräusch entstand dabei, als öffnete jemand einen Reißverschluss. Erst geschah einen Augenblick lang gar nichts. Doch dann pulste Blut im Rhythmus von Roberts Herzschlag aus der Wunde hervor. „Jetzt kannst du deinem eigenen Herzschlag zusehen“, feixte Walter. „Schleudere nun den Arm umher wie wir es besprochen hatten und blute alles schön voll. Ich rauche unterdessen die erste Zigarette“. „Hast du es getan?“, flüsterte ich, als Walter sich neben uns auf die Bettkante setzte. Walter zündete eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und antwortete, „Ja. Es ist ein guter gerader Schnitt geworden. Aber ein merkwürdiges Geräusch hatte es dabei gegeben“. „Ja“, flüsterte Rudi, sein Gesicht grün vom Streulicht der Scheinwerfer. „Ich habe es gehört. Es klang, als öffnete jemand einen Reißverschluss“...
Walter drückte seine Kippe in den Aschenbecher, stand auf und ging zur Toilette. Walters Gerinnungshemmer hatten ihre Wirkung getan. Von allen Wänden troff Blut. Blut hing sogar in langen Fäden von der Decke. Die Toilettenschüssel sah aus, als habe man darüber einen Ochsen geschlachtet. Als Robert Walter eintreten sah, setzte er sich auf den Rand der Toilettenschüssel und sah erschöpft zu ihm auf. „Etwas übertrieben sieht das ja schon aus“, bemerkte er. Walter pfiff anerkennend durch die Zähne. „Etwas übertrieben vielleicht. Dafür aber auch äußerst eindrucksvoll. Ich rauche jetzt die nächste Zigarette. Bleib du inzwischen ruhig so sitzen“. Walter setzte sich wieder zu uns. „Wie sieht es aus?“, wollte Rudi wissen. Walter zündete seine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug, blies einen Rauchring von sich und meinte, „Seht es euch doch selbst an“. Rudi und ich erhoben uns und gingen dicht aneinander gedrängt wie verängstigte kleine Kinder zur Toilette. Wir warfen nur einen kurzen Blick in den engen Verschlag und kehrten sofort wieder zu Walter zurück. Rudi war ein wenig blass geworden und ich musste mich beim Setzen stützen, da meine Knie so sehr zitterten. „Das sieht aber böse aus“, murmelte Rudi...
Das Ergebnis Wir saßen noch eine Weile, rauchten und schwiegen. Draußen im Korridor des Zellentraktes und in den umliegenden Zellen war alles mäuschenstill. Schließlich warf Walter einen Blick auf seine Armbanduhr. „Jetzt blutet er schon eine geschlagene Stunde“. Er drückte seine Zigarette in den Aschenbecher, stand auf, ging zur Zellentür und betätigte dort den Alarmknopf. Wurde dieser Alarmknopf betätigt, brannte draußen im Korridor über der Zellentür und auf einem Schaltbrett in der Wachstube am Ende des Ganges eine Signallampe, die den Wachhabenden alarmierte und auf die Nummer der betroffenen Zelle wies. Nachdem Walter den Alarmknopf betätigt hatte, setzten wir uns um den Zellentisch und lauschten auf nahende Schritte im Korridor. Doch diese Schritte blieben aus, alles blieb still und niemand kam. In dieser Nacht saßen die diensthabenden Beamten nämlich nicht in ihrer Wachstube und so sahen sie auch keine brennenden Signallampen. Sie saßen vielmehr zwei Stockwerke tiefer in der Kantine, waren dort versackt, spielten Skat und erzählten sich Anekdötchen aus ihren langen Dienstjahren. Inzwischen hing Robert schon kraftlos und leichenblass von der Toilettenschüssel und war kaum noch ansprechbar. Er wirkte schläfrig wie ein Betrunkener und öffnete kaum noch die Augen. Als er einige kraftlose Worte flüsterte, ging Walter neben ihm in die Hocke und legte sein Ohr an Roberts Mund. „Was sagt er?“, drängte Rudi. „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Walter. „Ich glaube er sagt, ihm sei kalt“…
Immer mehr Zeit verrann und noch stets reagierte niemand auf den ausgelösten Alarm. Rudi riss ein Handtuch in Streifen und improvisierte damit einen Druckverband. Walter und ich schlugen unterdessen mit aller Kraft gegen die Zellentür, riefen, und veranstalteten möglichst viel Lärm. Auf diese Weise vergingen weitere zwei Stunden. Schließlich griff Walter zur Tischplatte. Sie war ihrem Untergestell nur aufgelegt und nicht daran befestigt. Mit einer Kante dieser Tischplatte schlug Walter mit solcher Kraft auf die Zellentür ein, dass ihre vier Zoll dicken und an der Innenseite mit Eisenblech beschlagenen Eichenbohlen zerbarsten. Zwischen dem Dröhnen von Walters Schlägen hörten wir draußen im Korridor endlich die ersehnten Schritte. Sie nahten im Laufschritt…
Ein Schlüssel rappelt im Schloss und die Zellentüre wurde aufgestoßen. Von der Korridorbeleuchtung beschienen, standen vier erregte Wachbeamte in der Türöffnung und richteten die Strahlen ihrer Taschenlampen ins Zelleninnere. Zu ihren Füßen lagen lange Holzsplitter, die unter der Wucht von Walters Schlägen von der Tür gesprungen waren. Während zwei Beamte die offene Tür bewachten, führte Rudi die beiden anderen zur Toilette. Dort standen sie wie erstarrt und blickten entsetzt auf Robert, der gekrümmt vor der Toilettenschüssel in einer Lache von Blut am Boden lag. Über Funkgeräte riefen die Wachbeamten Sanitäter herbei. Wenig später kamen vier Sanitäter mit einer Trage den Korridor entlang gerannt. Sie legten Robert auf die Trage und eilten im Laufschritt mit ihm davon…
Robert war weg und an Schlaf war gar nicht mehr zu denken. Also setzten wir uns um den Zellentisch und warteten auf Roberts Rückkehr. Wir warteten vergebens. Robert kam nie wieder. Sein Herz versagte auf dem Wege zum Behandlungszimmer. Dort verstarb er unter den nervösen Händen der Sanitäter, die Nadel einer rettenden Infusion bereits im Arm…
Die geborstene Zellentür wurde ausgewechselt. Einige Tage später spähte ich während des Hofganges in ein Fenster der Schreinerwerkstatt. Dort blickten die Schreiner gerade auf unsere geborstene Zellentür, schüttelten die Köpfe und rätselten, wie das wohl geschehen sein mochte…
Carlitos Amsel vom Holunderstrauch
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